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Alte Briefe an die WTG in Selters

Mancher könnte sich wundern und denken, ich sei ein ehemaliger Zeuge Jehovas. In den Publikationen der Wachtturmgesellschaft wird ja generell der Eindruck erweckt, dass sämtliches Argumentationspotential gegen die Religion des Jehovaismus nur von Ehemaligen kommen könne. Doch bin ich kein Abtrünniger!

1985 hatte ich meine ersten Kontakte mit den Zeugen Jehovas. Ich ließ mich auch gerne von ihnen in den Königreichssaal in Mettmann einladen und hatte direkt Freude daran, an der allgemeinen Diskussion teilzunehmen. Es wurde zum Beispiel die Frage gestellt: "Was gehört zu einem erfolgreichen Predigtdiensteinsatz?" Sofort meldete ich mich und war ein wenig enttäuscht, dass niemand neugierig war auf das, was ein Neuer dazu zu sagen hatte. Ich wollte die Antwort geben: "Liebe im Herzen!" Aber leider kam jemand anderes dran und der las nur einen vorgegebenen Text vor: "Eine gute Organisation!"

Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Ich hatte in christlichen Gemeinschaften schon viel erlebt. Auch dass man leicht übergangen werden konnte. Aber hier eröffnete sich mir die Erkenntnis, dass bei den Zeugen Jehovas mit Bedacht und Konzept der Mensch ausgeschaltet wurde. Der Einzelne wurde rigoros unter die Wachtturm-Inhalte gebeugt und gestampft. Da gab es keine Initiative, kein Sich-Einbringen, keine Bereicherung der Gemeinschaft durch mich oder dich oder jemand anderes. Da gab es nur die Schablone Wachtturm und dann nichts mehr.

Damals habe ich begonnen, Briefe an die Jehova-Brüder in Selters zu schreiben. Mit diesen Briefen verband ich die Hoffnung, dass der Abgleich zwischen der Bibel und den Wachtturm-Aussagen möglicherweise als Hilfe oder Anstoß, als Anregung oder willkommene Auseinandersetzung empfunden wurde. Doch erhielt ich irgendwann einen lapidaren Pauschal-Brief aus Selters, der mir nur den Besuch von ein paar Leuten ankündigte.

Antwort aus Selters

Sehr geehrter Herr Hentschel!

Wir bestätigen den Eingang Ihres Briefes vom 17. Juli, mit dem Sie uns Ihre Gedanken zur Wachtturm-Ausgabe vom 15. Juli 1985 darlegen. Wir schätzen es, daß Sie sich Zeit genommen haben, uns zu schreiben.

Sie schneiden in Ihrer Zuschrift verschiedene Punkte an, auf die wir Ihnen, wie Sie es eigentlich erwarten, ausführlich anhand der Heiligen Schrift antworten könnten. Doch ziehen wir es vor, unsere Glaubensbrüder der Ortsversammlung Mettmann-Süd zu bitten, dies für uns zu tun. Bei einem persönlichen Gespräch können alle auftretenden Fragen gleich mit behandelt werden. Wir suchen Menschen, die sich zu Jehovas liebevoll getroffenen Vorkehrungen zum Erlangen von Leben hingezogen fühlen (Johannes 6:44; Apostelgeschichte 16:14). Sicherlich haben Sie Verständnis dafür, daß wir uns besonders den Menschen widmen, die von Herzen wohlgesinnt sind und mit Wertschätzung auf darauf hören und reagieren.

Indem wir uns der Verkündigung der guten Botschaft vom Königreich (Matthäus 24:14) widmen, verbleiben wir mit freundlichen Grüßen,

cc: Mettmann-Süd

Zeugen Jehovas in Schlips und Kragen

Die Männer mit den Schlipsen und den Aktentaschen kamen auch bald auf mich zu. Drei Stück drängten sich auf meinem Sofa und kämpften einen aussichtslosen Kampf. Denn damals war ich wie heute ein Christ, fest an Jesus gebunden. Ihre theologischen Thesen waren ein Nichts gegenüber dem, was ich ihnen innerhalb der Auseinandersetzung zu bieten hatte. Dabei hatte ich nicht Theologie studiert und auch keine besonderen Erfahrungen gemacht, außer den paar Wundern, die ich mit Jesus erlebt hatte.

Am Ende der Sitzung verließen sie relativ ruckartig meine Wohnung und einer rief mir noch zu: "Herr Hentschel, Sie haben einen sehr gefährlichen Glauben!" Ich rief ihm hinterher: "Ja, aber nicht für mich!" Damit war die Vorstellung vorbei. Nur eins bleibt zu erwähnen: Ich war so angestrengt (ohne es während der Sitzung zu merken), dass ich mich, nachdem sie meine Wohnung verlassen hatten, einfach auf den Wohnzimmerteppich legte und mich entspannte. Ich habe dort eine geschlagene Stunde gelegen und mir wurde klar, dass ich im Dienst für Jesus ernstlich Kraft eingesetzt hatte. Was mich dabei beeindruckte, war, dass ich während der Sitzung mit den Zeugen Jehovas nicht den Hauch von Erschöpfung gespürt hatte.

Die alten Briefe

In den folgenden Unterseiten werde ich die alten wiedergefundenen Briefe an die Wachtturm-Sektion in Selters und an andere Teilnehmer des Schauspiels hier veröffentlichen. Was ich zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen kann, ist, dass ich damals gar nicht so anders reagiert habe als heute. Vielleicht kann die Veröffentlichung der alten Briefe an Selters dazu beitragen, dass Zeugen Jehovas erkennen, dass der Glaube an Jesus viel fester und leichter durchzuhalten ist als das, was die Wachtturm-Ideologie aus der Bibel macht. Denn für ungefähr zehn Jahre war ich "abtrünnig"! Ich hatte keine Lust mehr auf den Gewissensstress, den ich mir durch den Glauben an Jesus einbildete. Aus diesem Grund hatte ich versucht, mich von dem Bekenntnis für Jesus zu lösen. Nicht von Jesus selbst, aber von dem, was mir viele Freunde vorwarfen. Das Zeugnis für ihn wollte ich vermeiden und mein Leben nach weltlichen Maßstäben einrichten. Dies gelang mir ca. zehn Jahre lang. Danach holte mich Jesus aus meiner selbstverordneten Lethargie zurück und machte mir klar, wie schön es ist, einen Herrn zu haben, der sich an sein Wort hält.

Der alte Glaubensvertrag, den ich mit 16 mit Jesus gemacht hatte, wurde durch Jesus wieder zu der Tragfläche, auf der ich schon so viele Glücksmomente erlebt hatte. Dieses Mal jedoch wurde mir klar, dass der Sinn dieses Glaubens an Jesus nicht nur einen funktionellen Charakter hatte, sondern dass aus dieser Zusage im Glauben etwas auf mich angewendet wurde, das ich nur als absolut sinnvolles Leben bezeichnen kann.

Jeder möge Jesus selbst ausprobieren. Ich jedenfalls kann und muss sagen: Ohne Jesus ist alles sinnlos!


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© R. Hentschel ♦ Erstellungsdatum: 06.01.2009 ♦ DruckversionLinks auf andere Internetseiten
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