Ein seelsorgerliches Wort
zu der Bibeltextdebatte unter bibeltreuen Christen

von Fred Foster

Wir müssen für alle Lebensbereiche auf die zwei Grundsätze Jesu bezüglich dem Richten achten. Sie bilden zwei Kriteria oder Eckpunkte, welche uns vor zwei Extremen bewahren.

1) "Richtet nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet." Wir dürfen niemals die Stelle Gottes beanspruchen und Menschen verdammen. "Die Liebe hofft alles." Also wandeln wir nicht nach Seiner Liebe, wenn wir anderen Menschen, welche sich zu Christus bekennen, den Glauben absprechen oder wenn wir über ihre Beweggründe Dinge behaupten, welche niemand unter den Menschen wissen kann, es sei denn, dass der Mensch selbst seine Gründe bekanntgibt. "Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist?" Fernerhin haben wir die paulinischen Anweisungen, "nicht über Meinungen zu streiten", "Ein jeder sei in seiner Meinung gewiß." Zwar haben diese Anweisungen mit echten Nebensachen zu tun, aber sie zeigen uns die geistliche Haltung auf, wie wir einen anderen Christen begegnen sollen. Wenn wir "einerlei Sinn untereinander" pflegen sollen, gilt dies auch für die gewichtigen Fragen, wenn es schon für die gleichgültigen angebracht ist. Christen müssen sich bei allen Streitfragen in der Mitte der Liebe Christi begegnen. Wenn Gott uns zuerst geliebt hat, als wir noch Sünder waren, können wir gewiss miteinander auskommen, wenn wir lediglich diverse Meinungen haben, egal wie wichtig wir sie bewerten. Die Schrift lehrt nicht, dass wir Christen immer über alles nur eine einzige Auffassung haben werden. Aber sie zeigt uns den Weg der Geduld, der Annahme, der Anteilnahme. Wir sollten mit unserer Kritik und Stellungnahme nicht mehr kaputt machen als wir heilen.

2) Aber der Herr sagte auch Folgendes: "Richtet nicht nach dem Schein, sondern richtet ein rechtes Gericht." Mit anderen Worten sollen wir ein feines Unterscheidungsvermögen entwickeln, das durch die Heilige Schrift geprägt ist. "Der geistliche Mensch beurteilt alles ..." "Prüfet alles, und das Gute behaltet." "Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob - darauf seid bedacht!" Wir müssen nicht ja und Amen zu allen Meinungen sagen, auch wenn wir den anderen mit seiner unseres Erachtens falschen Meinung (und mit seiner Entscheidung, bei seiner Meinung zu bleiben) ertragen sollen. Nur die Grundlage unseres Beurteilens muss von Gottes Wahrheit gegeben sein und wir müssen die Tatsachen als Tatsachen gelten lassen. Ein biblisches ausgeprägtes Urteilsvermögen, das durch Erfahrung reift, bewahrt uns vor Irrtümern sowohl als auch vor falschen Reaktionen auf Irrtümer und vor einer Entstellung von Tatsachen als Irrtümer. Wir sollten mit einer sachgerechten Kritik und Stellungnahme zielgerichtet Weisung geben.

Wir müssen die richtige Sprache und den richtigen Ton finden, um Fehler anderer anzuprangern. Zugleich müssen wir unsere eigene Haltung prüfen sowie die Wirkung von unserer Art und Aussage.

Hier gibt es zwei psychologische Ebenen: Zum einen müssen wir zwischen Personen und Dingen unterscheiden. Wenn der andere in Christus mein Bruder ist, dann soll meine Argumentationsweise über irgendeinen Punkt nicht dazu führen, ihn persönlich anzugreifen. Es geht uns wie in der Kindererziehung - wir können entweder betonen, "dein Verhalten ist falsch" (das vordergründige Problem), oder einsehen, dass die Haltung dahinter korrigiert werden muss (das eigentliche Problem). Oder wir sagen ihm "du bist falsch" und verletzen seine Seele. Wir müssen lernen, solche Ausdrücke wie "du bist ein Lügner", "du bist von Sinnen", "du spinnst", "du irrst" udgl. uns abzugewöhnen. Packen wir das eigentliche Problem einer weltlichen Gesinnung oder einer unbiblischen Idee oder einer ungeistlichen Handlung an. "Deine Lebenshaltung ist falsch", "Dein Verhalten ist falsch", "Deine Meinung ist nicht biblisch" können und sollen wir sagen. Aber dabei sollen wir zu verstehen geben: "Der Herr hat Dich lieb und ich habe Dich lieb."

Zum anderen müssen wir unsere eigene Bemühung überprüfen, ob wir die Sache zu einem sinnvollen Ergebnis führen. Wir müssen uns fragen, ob ein Aufgewühltsein über jegliche Verschwörung in der Welt mit dem Frieden Christi vereinbar ist - kann es sein, dass wir dabei aussagen (wohl unbedacht), dass Gott die Herrschaft über das Weltall verloren habe?

Wenn wir Christen beunruhigen, dass irgendjemand Gottes Wort verändern möchte - ist das wirklich Vertrauen in der Lehre der Erhaltung der Heiligen Schrift? Wird doch ein Jot oder Tüpfelchen vom Gesetz vergehen? Und wenn es Menschen gibt, welche die Bibel entstellen - wird unsere Aufregung dies verhindern? Haben wir irgendwelche Probleme durch eine Aufwühlung der Gemüter gelöst? Prüfen wir unsere Worte und Meinung, ob sie stichhaltig sind.

Wir müssen auch lernen, gemäß dem wahrhaftigen Sein Gottes wahrhaftig in der Tat zu bleiben und Tatsachen richtig und nicht einseitig darzustellen.

"Ich bin der Weg, DIE WAHRHEIT, und das Leben ..." ist eine der Selbstbeschreibungen Jesu Christi. Paulus wendet diesen Grundsatz bei der geistlichen Waffenrüstung in Epheser 6 so an: "umgürtet eure Lenden mit Wahrheit". Das heißt nicht nur mit biblischer Lehre vertraut sein und damit "kämpfen", sondern auch in unserem Wesen und Handeln Wahrhaftigkeit üben. Es nützt nichts, den ganzen Ratschluß Gottes mit unserem Munde zu verkünden, wenn doch unser Leben kreuz und quer diesem Ratschluß nicht entspricht.

Sonst werden wir Heuchler genannt.

Hier müssen wir darauf achten, Tatsachen als ein Teil der Wahrheit zu betrachten. Es gibt diverse Ebenen von Wahrheit: die Wahrheit der Bibellehre und die Werke Gottes in der Schöpfung, in der Geschichte Israels, in Jesus Christus (erfüllte Prophetie, Jungfrauengeburt, Leben, Lehre, stellvertretender Tod und Sühnewerk, leibliche Auferstehung usw), in der Gemeinde usw. Es gibt auch die zukünftigen Wahrheiten oder Tatsachen des Endgerichts, der neuen Schöpfung udgl., welche jetzt schon, lange bevor sie eintreten, im Vertrauen erfasst werden als Tatsachen genauso real als das zeitlose Wesen Gottes selbst. Also gibt es die Wahrheit Gottes.

Es gibt aber auch menschliche Wahrheiten, wie die Fakten der Geschichte von Völkern, Königreichen, Kaiserherrschaften, Sprachentwicklung und Fakten der Rechtsprechung, Fakten der Finanzen, Fakten der Forschung (als Vorgang mitsamt Hypothesen und Theorien und als ermittelte Ergebnisse der Forschung), Fakten der Lehre der Mathematik, der Philosophie, der Chemie usw. Fakten bleiben Fakten und bilden einen Teil der Realität (in diesem Sinne sind sie Wahrheit). Es ist manchmal schwierig, alle Fakten auf den Tisch zu bringen, sie überhaupt zu überschauen und auszusortieren. Ein wenig Geduld - was ein Teil des Werkes des Heiligen Geistes ist und ein Wesensmerkmal der Liebe - ist hier erforderlich. Wir dürfen also die Fakten nicht allzu schnell in eine Anschauung hineinpressen wollen, sondern unsere Vorstellungen sowohl durch den faktischen Befund eines Sachgebietes als durch die Wahrheit vom Worte Gottes mitbestimmen lassen.

In jedem Wissens- und Erfahrungsbereich lernen wir ständig dazu. Unser Bibelwissen kann zunehmen, unsere Kenntnisse von einer Sprache können ausgeweitet werden, der Mensch kann immer tiefer in die Geheimnisse der Schöpfung schauen und Dinge lernen, welche bisher unbekannt blieben. Wir stoßen immer wieder an unsere Grenzen. Das Schulkind zerbricht sich den Kopf über die Matherechnung und die Gelehrten führen ihren Streit aus, ob Napoleon ein Mann oder eine Frau war, ob Shakespeare den Othello als leichtgläubig oder böswillig darstellen wollte, ob irgendein Atommodell revidiert werden muss usw. Dies ist auch eine Ebene der Wahrheit: daß wir nicht immer alles wissen und daher etwas bescheiden und demütig bleiben müssen, denn morgen könnte ein neuer Befund unseren Theorien und Annahmen einen dicken Strich durch die Rechnung machen.

Für die biblische Textforschung und Textkritik gilt das Prinzip der Wahrhaftigkeit genau wie für andere Bereiche. Was sagen uns die bisherigen Ergebnisse der Textforschung über den biblischen Text? Bevor wir sie von vornherein verteufeln, sollten wir uns zumindest einen Überblick über die faktischen Ergebnisse der Textvarianten verschaffen.

1) Abweichende Lesarten unter den +5.300 Handschriften des NT allein sind eine Tatsache - sie gibt es. Das ist ein Faktum. Aus der Geschichte der Textforschung werden meistens solche Dinge wie Fundorte, Fundumstände, Standort (meistens Bibliotheken) und photographische Reproduktionen notiert. Somit sind die Funde überprüfbar. Die verschiedenen Ausgaben des griechischen NT zeigen die nach Gelehrtenermessen bedeutendsten Textvarianten an. Viele gleichgültige Differenzen der Rechtschreibung (offensichtliche Abschreibfehler) werden meistens in den modernen Ausgaben nicht aufgeführt, da sie für belanglos betrachtet werden.

2) Der Textbefund mit Textvarianten bestätigt alle fundamentalen Lehren der Heiligen Schrift. Der hebräische AT-Text ist hervorragend übermittelt worden. Auch wenn die griechischen Abschreiber nicht so genau wie die jüdischen gearbeitet haben, ist trotz aller vermutlichen Abschreibfehler und offensichtlichen Unübereinstimmungen in diversen Einzelheiten keine NT-Lehre abhängig von den abweichenden Lesarten. Egal welche Zusammensetzung von griechischen Texten aus dem Gesamtbefund angefertigt wird, es geht keine Lehre verloren. Das sollte uns ermutigen statt verunsichern! Die gelehrten Entscheidungen über diese Unterschiede in der Textüberlieferung beziehen sich lediglich auf Fragen der Feineinstellung einer Ausgabe des griechischen NT. Ein genaues Studium der Textvarianten führt zu dem freudigen Schluß, daß es keinen Versuch einer bewußten systematischen Ausrottung irgendeiner Lehre durch manipulierte Kopien der Heiligen Schrift gegeben hat.

3) Textkritik ist nicht gleich Bibelkritik und nicht alle Bibelkritk ist gleich. Auch wenn das Gebiet der Bibelkritik von liberalen Theologen seit Ende des 18. Jahrhunderts beherrscht wird, gibt es konservative Bibelkritiker, welche die Methoden der liberalen Theologen bzw. die auf Zweifel aufgebauten philosophischen Grundannahmen der Liberalen und die daraus folgenden Arbeitsweisen ablehnen. Es ist eine Sache, ein biblisches Buch wie Jesaja näher zu untersuchen, um aus dem Inhalt Aussagen über Autor und Verfassungszeit, die Adressaten, die chronologische Reihenfolge des Inhalts und den Hauptzweck und die Hauptbotschaft des Buches zu machen. Das ist ja nichts anderes als eine Art Bibelkritik, welche unter bibeltreuen Christen immer akzeptiert gewesen ist. Es ist aber eine andere Sache, die Einheit des Buches Jesaja abzulehnen, weil man von vornherein die Möglichkeit der übernatürlichen Prophetie verwirft und daher das Buch in der Zeit nach dem Persischen Reich datiert. Die Autorenschaft unter zwei, drei oder zwanzig Autoren aufgrund von diffizilen Sprachmerkmalen aufzuteilen und zu spekulieren über die Gestalt der Quellschriften und über ihre imaginären Redakteure, welche an dem suggerierten Flickenteppich an Fragmenten gearbeitet haben - das ist ja nicht Bibelstudium, sondern Bibelentstellung. Das alles untergräbt nicht nur das Vertrauen in die Wahrheit jenes biblischen Buches, sondern führt total an einer eigentlichen Beschäftigung mit dem Inhalt und der Aussage des Buches vorbei und ist wesentlich trocken und unerbaulich.

Aber die Textkritik hat mit Bibelkritk nichts Direktes zu tun, auch wenn mancher Theologe die Ergebnisse der Textkritik für eine bestimmte Theorie einzuspannen versucht. Die Textkritik beschäftigt sich primär mit dem eigentlichen Befund der tausenden von Manuskripten der Heiligen Schrift. Sie nimmt die Ergebnisse der Altertumsforschung in Sachen wie Alter und Beschaffenheit des Papiers (oder Tierhäute) und der Tinte, Schriftstil (Epoche) zur Kenntnis, um einen annähernden Wert für die Entstehungszeit der Kopie festzustellen. Die Ergebnisse der Textforschung sind ermittelte Fakten und gehören zur Realität. Da die allerwenigsten Menschen auf der Welt Textforscher und -kritiker sind - welche antike Bibeltexte suchen, entdecken und untersuchen - dürfen wir uns nicht zu Experten auf diesem Gebiet erheben und so reden, als ob wir da alles Bescheid wüssten. Das wäre wahrhaftig, oder? Vielleicht wäre es korrekt und christlich für die mühsame Arbeit anderer dankbar zu sein, statt wie der Fuchs von Aesop, der nicht an die Trauben gelangen kann, über sie zu schimpfen.

Der Textkritiker nimmt also diese datierten Texte und vergleicht sie miteinander, notiert die Unterschiede und sortiert sie. Danach macht er sich gemäß festgelegten Kriteria ein Bild von der wahrscheinlich besten Lesart. D.h., die bevorzugte Lesart ist wohl:

  • die älteste
  • eher die schwierigere (man geht davon aus, dass Abschreiber ein Problem vermuteten und daher zu korrigieren versuchen, da dies logisch erscheint)
  • die kürzere
  • die, welche die Textvarianten am besten erklärt
  • die, welche geographisch am weitesten bezeugt wird
  • die Stil und Sprachart des Autors entspricht
  • die keine Lehrvoreingenommenheit aufweist

(Quelle: Archer, Gleason L. A Survey of Old Testament Introduction. Moody: Chicago, 1994, Seite 64).

Also entscheidet der Textkritiker nicht für eine Lesart, weil er eine bestimmte Bibellehre ablehnt oder willkürlich den Bibeltext manipulieren möchte. Er hat handfeste Kriteria, welche weltweit unter Wissenschaftlern anerkannt werden und welche auch für die gesamte Forschung antiker Literatur gelten. Der Ehrgeiz und das Anliegen des Textkritikers ist es, m.a.W., den Urtext der Heiligen Schrift anhand von den Textvarianten möglichst genau zu erkennen. Eventuell kennen manche dieser Forscher den Gott und himmlischen Autor der Bibel nicht persönlich. Es wäre schade, wenn sie durch all das Suchen in den feinen Detailnuancen von tausenden von alten Manuskripten nie in der persönlichen Stille die Texte mit dem Auge des Glaubens betrachten würden. Aber die faktischen Ergebnisse ihrer mühsamen Forschung bleiben Fakten. Wenn wir wahrhaftig bleiben wollen, müssen wir diese Tatsachen berücksichtigen. Diese sind von dem persönlichen Glauben oder Unglauben der Forscher unabhängig. Wenn wir nicht dazu bereit sind, alle tausende Bibelfundtexte selber in die Hand zu nehmen, sie zu untersuchen und diese Arbeit zu tun, wer sind wir, gegen die Forscher zu reden? Wäre es nicht besser, für sie zu beten?

Wir müssen immer wieder unsere bisherige Auffassung von bestimmten Themen durch die Fakten in Frage stellen lassen bzw. uns selbst in Frage stellen.

Gottes Wort bleibt wahrhaftig, ob ein Christ seine Wahrheit richtig erkenne. Er muss im Glauben wachsen, die Bibellehre erfassen und anwenden, so dass Glaubenspunkt und Lebensweise sich gegenseitig befruchten und ergänzen. Fakten der realen Welt bleiben Fakten, auch wenn der Gläubige sie nicht wahrnehmen möchte. Er muss sich für Tatsachen öffnen und demütig bereitwillig sein, genauso wie mit dem Lernen aus dem Wort Gottes, seine bisherigen Erkenntnisse und Meinungen bei Bedarf zu revidieren. Für die Bibeltextdebatte stellen wir uns also die Frage, ob wir wirklich unserer Sache so sicher sind.

Wenn wir sagen würden: "Gott hat durch die Lutherbibel 1545 zu dem deutschen Volk gesprochen und es gibt sonst kein Wort Gottes für uns", was ist mit Luthers Septembertestament von 1522? War das auch nicht Wort Gottes für das deutsche Volk? Was war mit Wycliffe und Tyndale, welche keinen TR-Text hatte? Sind sie deswegen ohne Gottes Wort gewesen? Als Wycliffe aus dem Lateinischen ins Englische übersetzte, war das nicht Gottes Wort? Wenn nicht, was war es dann? Wenn wir sagen, daß eine nicht auf den TR gestützte Bibelausgabe kein Wort Gottes ist, was ist sie dann eigentlich? Sind nicht alle Stellen einer solcher Bibelausgabe, welche die gleichen Passagen wie in einer TR-Bibel sind, weniger Wort Gottes, nur weil diese Bibel nicht die gleiche Variantenstellen wie die TR-Bibel hat? "Sie hat so viele Bibelverse nicht, sie sind herausgeschnitten!" Aber das, was übrig ist, ist das nicht Wort Gottes? Wollen wir damit sagen, daß eine bestimmte Quantität an Bibelwörtern und Bibelversen wichtiger ist als die qualitativen Aussagen aus dem Gesamtzeugnis der Schrift? Ist es notwendig für unser Heil zu glauben, dass eine vermutliche harmonische Stelle "auch hier sowohl als auch dort" gehört? (Bei solchen Stellen sagt niemand, das Wort oder der Vers sei kein Wort Gottes, sondern es ist mehr eine Frage, ob die Stelle in beide Passagen gehört oder ob ein Abschreiber eine Passage aus einer anderen ergänzt hat.) Oder ist dem Anliegen nicht Genüge getan, wenn wir unser Leben auf die Lehre aufbauen, egal ob diese oder jene Stelle der ursprüngliche Textstandort der einzelnen Aussage sei? Wenn wir sagen, daß die Septuaginta eine verdorbene Übersetzung des hebräischen AT sei - was ist, wenn eben diese Übersetzung im NT stellenweise zitiert und erwähnt wird? Ist dann das NT verdorben? Verfechter der King-James-Only-Bewegung haben Wescott und Hort heftig kritisiert wegen einigen Glaubensansichten, wie Taufwiedergeburt, da sie Anglikaner waren (jene protestantische Kirche ähnelt der römisch-katholichen Kirche in vielen Punkten der äußeren Form und in dem Stil der Frömmigkeit). Aber was ist, wenn die Übersetzer der King James Bibel Anglikaner waren (das waren sie ja auch)? Jene ehrwürdigen Gelehrten haben keine biblische Tauflehre vertreten. Sollen wir deswegen ihre Bibelausgabe verwerfen? Wenn wir nur eine einzige Bibelübersetzung für die einzige richtige erheben, heißt das, daß wer ohne diese ist, verloren geht? Bedenken wir hier die Aussage im Vorwort der King James Bibel, daß auch die gemeinste Übersetzung der Bibel das Wort Gottes darstellt (sie meinten "gemein" im Sinne der mangelnden Gelehrsamkeit und im Sinne der nicht so fein sprachlich geschliffenen Version).

Vergessen wir nicht die Feststellung, daß die Lehre der Bibel durch die Textvarianten unangetastet bleibt. Also geht es hier nicht um Lehre. Um was geht diese Debatte eigentlich, wenn sie nicht um Lehre geht? Kann es sein, daß sie ein Produkt mangelnder Informationen ist? Stellt sie eine Überreaktion oder eine ängstliche Reaktion auf Dinge dar, welche unbekannt und deshalb verunsichernd sind? Geht es wirklich um den griechischen Grundtext? Oder geht es mehr um die Frage der diversen Bibelübersetzungen und um die offensichtlichen Differenzen, welche durch die Herannahme neuerer Ausgaben des griechischen NT aufgebaut sind? Für den hebräisch- und griechischunkundigen Leser sieht es ja so aus, als ob "jemand etwas von der Bibel herausgeschnitten hat". Hier gilt wiederum das Wort unseres Herrn: "Richtet nicht nach dem Schein!" Die obigen Ausführungen über dieTextkritik sollen nur einen kleinen Beitrag bieten, daß wir ein "rechtes Gericht" richten können. Niemand möchte etwas aus der Bibel herausschneiden, sondern eigentlich anhand des tatsächlichen diversen Textbefundes im geringfügigen Detailbereich die beste Textgrundlage festhalten. Nur weicht der jetzige Stand der Forschungserkenntnisse von der bisherigen, altvertrauten Textgrundlage ab und verlangt nach einer Revision. Aber machen wir hier Halt.

Wir müssen, wenn wir die Urtextsprachen der Bibel lesen können und erfahren haben, daß diese Textvarianten relativ unbedeutende Probleme darstellen, immerhin Verständnis für die beunruhigten Seelen unter unseren geistlichen Brüdern und Schwestern haben und ihnen helfen wollen.

Es gibt nämlich mehr als nur das Rätsel der abweichenden Lesarten in den biblischen Abschriften. Wir haben zusätzlich das Problem von verunsicherten Christen. Helfen wir ihnen zu erkennen, daß Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift von den Textvarianten nicht betroffen sind, aber auch zugleich, daß wir keine Bibellehre haben, welche ein wiederkehrendes Werk der Inspiration beim Abschreiben ankündigt oder die uns irgendwelche geistliche Kriteria gibt, über die Echtheit und Unechtheit von Manuskripten zu urteilen. Erklären wir ihnen die Notwendigkeit der Abschriften, da Papier abgenutzt und ersetzt werden muss. Und daß Abschreibfehler bei jedem mechanischen Vorgang in der Welt normale Alltagssachen sind, aber daß Gott über Sein Wort gewacht hat und daß wir in den 2-5% von noch diskutablen Abweichungen durch die Textkritik den originalen Wortlaut durch die Abschreibfehler erkennen können. Es ist also nicht so, daß ganze Bücher dermaßen so entstellt sind, daß wir nicht wissen können, wie das Ding im Urtext ausgesehen hat. Sondern es dreht sich nur um Randdetails in einem schmalen Gesichtskreis in dem weiten Textumfang, welche keine Hauptaussage betreffen.

Wir müssen auch ein drittes Problem der anbahnenden Spaltung unter bibeltreuen Christen auffangen.

Wenn wir alle glauben an: die göttliche Inspiration und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, an die Schöpfung und nicht an Darwinismus, an die Jungfrauengeburt, an das sündlose Leben, an den stellvertretenden Opfertod und an die leibliche Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi, an die Errettung durch Glauben und Gnade und an die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist bei der Bekehrung (nicht als zweites Werk der Gnade), an die neutestamentliche Gemeinde, an die Entrückung (nehmen wir es ja noch enger! vor der Trübsalszeit), an das Endgericht und an die neue Schöpfung - und wenn wir alle das glauben, egal welchen Grundtext wir verwenden! - warum sollen wir uns wegen einer Bibelausgabe trennen? Ist es nicht viel besser, wenn wir die Bibelausgabe, die wir haben (wir setzen voraus, sie ist gut und nicht schlampig oder ideologisch voreingenommen), ehrfurchtsvoll zu lesen und anzuwenden? Statt uns in ewigen Diskussionen über die Grundtextfrage, welche keine bedeutenden Lehrfragen betreffen, zu verfangen, sollten wir nicht eher bei unserem Auftrag bleiben und uns in unserem allerheiligsten Glauben auferbauen und Christus den Menschen verkünden? Was geht uns hier an wahrer geistlichen Substanz verloren, wenn wir einige eher mikroskopische Angelegenheiten der Textgestalt zu den bedeutendsten Brennpunkten erheben? Laßt uns unterscheiden zwischen Hauptsachen der Schrift und Nebensachen menschlicher Meinungen über die Schrift. Denn jeder betreibt eine gewisse Art von "Textkritik", indem er sich für eine Textgrundlage aufgrund von bestimmten Faktoren entscheidet. Laßt uns nicht weiter als die Schrift gehen und Dinge behaupten, worüber sie nichts sagt. Wir können uns persönlich und gemeindlich für die eine oder andere Auffassung entscheiden: Entweder ist der Urtext erhalten in dem Textbefund des 16. Jahrhunderts oder in dem älteren Textbefund oder wir können es offen lassen und sagen, das Wort Gottes ist erhalten geblieben im gesamten Textbefund von zigtausenden Abschriften. Aber ist das nicht eher eine persönliche Handhabungsfrage und nicht ein gemeinschaftsbestimmendes Schibbolet? "Ein jeder sei seiner eigenen Meinung gewiss!" Aber egal wie wir uns entscheiden, bedenken wir die göttliche Weisheit:

Habt ihr aber bittern Neid und Streit in euren Herzen, so rühmt euch nicht und lügt nicht der Wahrheit zuwider. Das ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern sie ist irdisch, niedrig und teuflisch. Denn wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge. Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei.

Ist es doch nicht sinnvoller, den aufkommenden Zank, verbunden mit vielen ad hominem (gegen den Menschen gerichtete) Argumente, möglichst in aller Gottesfurcht zu vermeiden? Wenn das eigentliche Thema die Textgrundlage ist, sollten wir nicht lieber über diese Dinge reden statt Personen anzugreifen und einer giftigen Stimmung Raum zu bieten? Kann es sein, daß der Teufel es fertigbringt, uns über eine wohlgemeinte Verteidigung der Bibel zu ihrer Untergrabung (in den Augen der Menschen) beizutragen, wenn wir dem Streit und dem Richtgeist verfallen? Bedenken wir das Wort von Friedrich Wilhelm Krummacher in seinem Werk Elias, der Tisbither:

  • Der Herr entzünde reinere Flammen in unseren Seelen, und gebe uns bessere Liebe; Liebe, die, wo die Wahrheit, die Ehre Gottes und das Heil der Brüder es erfordert, auch Donner und Blitze reden kann, rücksichtslos, und sich selbst verleugnend, und ein zweischneidig Schwert im Munde trägt; doch so, daß sich nicht fremd Feuer mische in das Heilige, und wir nicht, wie freilich so häufig geschieht, über unserm Eifer beide Gesetzestafeln zerbrechen.

Aus Liebe zu unserem Herrn wollen wir alle demütige Schüler Seines wunderbaren Wortes sein. Seine Gnade und Liebe bewegen uns zu mühsamem Aufwand eines vertieften Studiums der Schrift. Wir haben es bereits erfahren und möchten es weiter erleben, daß Sein geistliches Wort unser Leben nach und nach in Sein Ebenbild verwandelt, von einer Herrlichkeit zur anderen. Wir wissen um die Klarheit und Einheit der Schrift und beugen uns ihrer Lehre. Lasst uns also keinen Zwist und Zank aufkommen, um uns gegenseitig im Glauben zu stärken und zu ermahnen gemäß der gesunden Lehre.

Fred Foster, Sinsheim, April 2007


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Erstellungsdatum: 10.04.2013 ♦ DruckversionLinks auf andere Internetseiten