Ich bin ein sachlich-nüchterner Mensch und habe immerhin 30 Jahre ZJ hinter mir und habe das mit Jesus wohl intellektuell verstanden. Gelegentlich sag ich auch schon mal Leuten: "Alles was du brauchst, ist Jesus!". Aber ganz ehrlich: Ist das nicht nur ein Spruch? Weiß ich wirklich, worüber ich rede? Kenne ich wirklich Jesus? War ich wirklich dabei oder ist mir in direkter Nachfolge der Heilige Geist gegeben worden?
Ich kenne Jesus nur aus dem Buch, das man Bibel nennt oder aus Predigten und Literatur. Diese Bücher lassen Interpretationsspielraum zu. Jeder macht sich ein anderes Bild über Jesus, je nachdem, wo er aufgewachsen ist oder was für einen Erfahrungshintergrund er hat. Was soll ich den Leuten erzählen, falls der Auftrag Jesu Christi, das Evangelium zu verkünden, heute für mich noch Gültigkeit hat? Wo bleibt bei mir das sichere Wissen, dass ich ein Kind Gottes bin, wie es viele Charismatiker haben, bei denen ich auch mal für einige Zeit war? Warum hat deren Hand-Auflegen bei mir keine Wirkung gezeigt? Und warum sind die Charismatiker sich so sicher, wenn viele andere Christen davor warnen, es sei nicht Gottes Geist, den sie spüren?
Und:
Wann bete ich zum Vater JHWH (wie im Vaterunser) und wann bete ich zu Jahschua? Ist das nicht alles die gleiche "Firma" und kommt nicht sowieso alles oben an, so lange die Herzenseinstellung stimmt (und somit auch Nichtchristen und Wilde erhört werden)?
Wie wird die Verbindung hergestellt? Wie lautet die richtige Telefonnummer (wie schon gesagt, es gibt tausende von "Jesus")? Gibt es auch "Telefonnummern", wo ich beim Satan lande (falls er mich überhaupt hören kann) oder gibt es Telefonnummern, wo "Kein Anschluss unter dieser Nummer" ist?
Warum behaupten viele Bekehrte, nicht sie haben sich bekehrt, sondern Jesus habe sie gezogen? Für die, die das Angebot von Jesus erkannt haben (und tausendmal gebetet haben und in die Gemeinde kamen) aber sich nicht wirklich von ihm gezogen fühlen, ist das ein ganz mulmiges Gefühl! Ich hätte ein schlechtes Gewissen, den Leuten von Jesus zu erzählen, und dann kommt bei denen nichts, weil sie wie ich nichts spüren!
Wie kann man behaupten:
"Dann ergreife ich auch die Hand und Gnade des Herrn Jesu! Die Gnade Gottes, unseres Herrn, laß ich mir nicht entgehen! Ich kenne meinen Herrn, Manuel, ich kenne seine Stimme!"
Warum reicht seine Gnade anscheinend nicht für alle Menschen aus (siehe Esau), wenn in Wirklichkeit es nicht die Menschen sind, die sich für Gott entscheiden, sondern Gott allein entscheidet sich für die Menschen?
Solange diese Fragen offenstehen, komme ich nicht wirklich weiter und jegliche Diskussionen um Gott und Jesus und Glaubensfragen (z.B. in Zeugen-Jehovas-Foren) bleiben nichts anderes als sein Wissen zur Schau zur stellen.
Danke im Voraus für die Antworten, falls diese Fragen überhaupt zu beantworten sind!
Manuel
Als ich mich verbindlich (mit ehrlichem Herzen) an Jesus wandte und ihm erlaubte, in mein Leben und mein Herz einzugreifen, habe ich auch nichts besonderes gespürt oder so. Vielleicht hatte ich gerademal ein bisschen Zufriedenheit darüber, im Bezug auf dieses Thema Nägel mit Köpfen gemacht zu haben. Mehr aber auch nicht.
Irgendwann später war ich mal in einer Veranstaltung, wo Geister ausgetrieben werden sollten und der Heilige Geist eingetrieben werden sollte. Schon diese Beschreibung macht uns klar, mit welchen Unsicherheiten und wilden Spekulationen solche Dinge verbunden sind. Ich stellte mich neben eines dieser merkwürdigen Paare. Der links von mir lies sich volltexten und der rechts von mir textete und textete und textete, was das Zeug hielt. Das Ganze hatte so einen Anstrich von besonderer Andacht und Aufregung.
Ich weiß nicht mehr, was ich fragte, war aber höchst erstaunt, dass der Lange-Texte-Vonsichgebende seine Tätigkeit ganz gelassen unterbrach, sich mir zuwandte und in wenigen Sätzen meine Frage beantwortete. Danach überließ ich den Laden sich selbst und ging. Wirklich geholfen hat mir beides nicht. Weder die unerklärte Geist-Aufwirbelaktion, noch die Erklärung dazu konnte in mir den Verdacht erzeugen, dass an diesen charismatischen Sonderfunktionalitäten etwas dran sei, das nicht jeder an Jesus Gläubige auch schon hätte. Ich wusste schon lange sehr genau: Was ich brauche, gibt mir der Herr, wenn es nötig ist.
Ist es nicht krass, dass sogar einer der Jünger den Glauben nicht aufbrachte, bis er die Wunden Jesu anfassen durfte? Daraus dürfen wir schließen, dass Jesus auch denen entgegenkommt, die nicht so drauf sind, wie diese oberfrommen Worteschwinger wie ich ... (wie ich dazu kam, weiter unten). Wenn du dir einbildest, und nach unseren menschlichen Regeln des Denkens ist das ja ganz einfach, also wenn du dir einbildest, schlechter im Glauben an Jesus dazustehen, nur weil du nichts spürst, bist du nach den Regeln Jesu schief gewickelt. Nicht die Resonanz, die viele haben und als Zeugnis weitergeben, ist die Rettung oder ein Symptom für den Glauben, sondern Jesus Christus allein und seine Zusagen, die wir wie Kaufhauskunden aus dem Regal Gottes nehmen dürfen.
Das darfst du nicht unterschätzen, Manuel! Wenn du in deinem Herzen ja zu Jesus gesagt hast, dann bist du gerettet. Da sind alle Fragen nach Fühlen, Spüren oder Manifestation vollkommen irrelevant.
Nachdem ich mit 17 diesen Entschluss, mich auf Jesus zu verlassen, gefasst hatte, passierte erstmal nichts. Außer dass ich die Frage ständig mit mir herumtrug, ob das das Gelbe vom Ei sei, passierte definitiv nichts, was ich als besonderes Ereignis hätte einstufe können. Weder gefühlsmäßig, noch als vor den Menschen als etwas Besonderes Darstellbares. Selbst die klaren Wunder überging ich in meiner Wahrnehmung und musste mich später daran erinnern (lassen), dass es Wunder waren. Meine innere Haltung und mein Verhalten, das dieser inneren Haltung entsprach, war unverändert. Lediglich dieses Gefühl, das alles sinnlos sei, war weg.
Dann kam es zu einer abstrusen Situation in der Schule, wo ich mich regelrecht aufregte und dem Mitschüler, der die Deutschstunde dazu ausnutzte, um mit den üblichen Floskeln Jesus durch den Schmutz zu ziehen, etwas an den Kopf warf. Er sagte "Wie kann Gott allles das zulassen" und wiegte sich in der Gewissheit, dass er damit das Thema ausreichend ad absurdum geführt hätte. Die Klasse johlte und der Lehrer stimmte freudig in den Gesang mit ein. Dann stand ich auf, ohne von irgend etwas einen Plan zu haben, und sagte diesem Schüler mitten ins Gesicht (gleichzeitig zeigte ich mit ausgestrecktem Arm auf ihn) "Wegen dir! Wegen dir lässt Gott alles das zu! Um dir den Weg zu zeigen!"
Die Klasse schwieg auf einen Schlag und der Lehrer schaute drein wie ein klitschnasser Pudel mit Sahnehäubchen und einer Pfütze unter sich. Und ich selbst war genau so platt! Ob ich dabei eine bessere Figur gemacht habe, dessen bin ich mir keineswegs sicher. Aber dieses Ereignis war der Beginn dessen, was Jesus folgendermaßen umschreibt: Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich vorm Vater bekennen.
Ich bin überzeugt davon, dass der Glaube an Jesus Christus vollgültig ist, auch wenn keine Sensationen eintreten. Doch gibt es einen Knalleffekt, der sich die Frucht des Geistes nennt. Der ist aber keine Bedingung oder Voraussetzung für die Rettung oder die Festigkeit des Glaubens.
Wenn du inmitten der glänzend dastehenden Superchristen betrübt auf deinem Stuhl sitzt und betest, Herr, sei mir Sünder gnädig, bist du allen voraus! Nicht wir entscheiden, wer in Jesu Hand ist, sondern er. Höre bitte auf, Jesus nach menschlichen, gesellschaftlichen, kulturellen oder zivilisatorischen Maßstäben einordnen zu wollen. Er lässt sich nicht einordnen. Auch nicht in unser Gut-schlecht-falsch-richtig-Gefüge. Wenn du ihn aufnimmst, gibt er dir das Recht, Kind Gottes zu heißen. Dieses Recht ist allem Menschlichen übergeordnet und muss sich nicht notwendigerweise als Sensation oder als geistige Muskelkraft zeigen.
Rüdiger
Solange du solche Worte in den Mund nimmst wie, die Gnade Jesu reiche scheinbar nicht aus, dann hast du dir selbst und allen andern den Beweis geliefert, dass du den Worten Jesu nicht glaubst. Das ist übel. Das geht nach hinten los. Solange du diese Dinge nicht in die Hand Jesu legen kannst, sondern meinst, sie selbst entscheiden zu müssen, kann Jesus für dich nicht wirklich etwas gelten. Denn du erhebst deine eigenen Vorstellungen und Annahmen über Jesus Christus. Dann bleibt es dabei - er ist dir nur Philosophie, Weltbild oder Theorie. Jesus kann dir aber nur helfen, wenn er dein Herr sein darf.
Entweder Jesus ist Herr über dich oder du bist Herr über Jesus. Wenn das Letztere zutrifft, bist nicht mehr als der Papst und sein verführtes Gefolge.