Die Generation 1995

von "Unbekannt"

Und zeitgemäß »gab Gott neues Licht«; er offenbarte etwas, was anderen Gemeinschaften schon lange bekannt war und was auch kritische Zeugen einige Jahre zuvor schon angekündigt hatten. Das heißt aber nicht, dass sich die leitende Körperschaft auch nur für die zu Unrecht verhängten disziplinierenden Maßnahmen entschuldigt hätte, die sie den Brüdern auferlegt hatte, welche die damals »gesunde Lehre«, die jetzt falsch war, nicht vertreten hatten. Nein, der Sklave entschuldigt sich nie; denn nicht er hatte falsches Licht gegeben, sondern sein Gott hatte jetzt erst das Licht korrigiert, und diese anderen »übelgesinnten« Brüder waren Gott »vorausgeeilt«.

Was war nun das neue Licht über die Generation von Matthäus 24:34?

Der Wachtturm vom 1.11.1995 strahlte es aus. Es seien die bösen und schlechten, gottlosen Menschen unserer Zeit, wobei die Zeit nicht mehr (wie zuvor nach Psalm 90) begrenzt wurde. Der Wachtturm schrieb:

... über jene auf Abwege geratenen Zeitgenossen entladen, die die heutige »böse und ehebrecherische Generation« bilden ... Heute, wo sich die Prophezeiung Jesu endgültig erfüllt, bezieht sich der Begriff »diese Generation« daher offensichtlich auf jene Erdbewohner, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht von ihren verkehrten Wegen umkehren. Im Gegensatz dazu wollen wir uns als Jünger Christi auf keinen Fall vom Lebensstil ... »dieser Generation« formen lassen ... aber wir wissen, dass das Ende »dieser Generation« böser Menschen kommen wird, sobald das Zeugnis zu Gottes Zufriedenheit, bis zum entferntesten Teil der Erde, gegeben ist ...

Damit die neue Deutung sich auch ja einprägen sollte, brachte der Wachtturm vom 15.12.1995 nochmals eine Wiederholung:

Auf wen bezieht sich der Ausdruck »diese Generation« aus Matthäus 24:34-39 in der endgültigen Erfüllung der Prophezeiung Jesu? Jesus nahm offensichtlich auf jene Erdbewohner Bezug, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht von ihren verkehrten Wegen umkehren.

Hier ist kein Missverständnis möglich und auch der Wachtturm vom 15.02.2008 spielt auf Seite 23, Absatz 10 auf diese Deutung an, wenn er von »früher einmal« spricht. Wie damals - gerade erst vor 12 Jahren - erklärt wurde, war das neue Licht »offensichtlich« nach der damals neuen Deutung zu verstehen (erfahrungsgemäß muss man besonders genau hinsehen, wenn die Wachtturm-Gesellschaft mit Ausdrücken wie offensichtlich oder mit ähnlichen operiert, denn wenn etwas wirklich offensichtlich ist, braucht man das nicht erst zu sagen).

Und tatsächlich, heute, gerade 12 Jahre später, kommt eine neue Deutung.

Der Lichtgeber von 1995 hatte (offensichtlich) den falschen Lichtschalter gedrückt. Jetzt erklärt der Wachtturm auf den Seiten 23 bis 25, dass die besprochene Generation anders verstanden werden müsse. Diese jetzt andere Deutung ist nicht offensichtlich, sondern »zweifellos« (was häufig Zweifel verdient).

Worauf gründet sich die - neue - Deutung?

Der Wachtturm erklärt in Absatz 12, sie gründe sich auf eine eingehende Betrachtung des Kontextes! Daher frage ich mich: Sollte nicht jede biblische Deutung erst nach einer eingehenden und gründlichen Betrachtung des Kontextes geschehen? Hat man 1995 und auch vorher Deutungen vorgelegt ohne gründliche Betrachtung des Kontextes und dann von Millionen von Menschen verlangt, diese ohne gründliche Betrachtung veröffentlichten Auslegungen zu glauben und zu vertreten, und dies sogar unter der Drohung disziplinarer Maßnahmen?

Hat man »geschludert«, um es milde auszudrücken - die Auslegungen bei einem Bierabend abgesprochen in fröhlicher Runde? Es möge sich niemand verletzt fühlen; die Schlussfolgerungen aus den Worten des Wachtturm selbst lassen eine außerordentliche Gleichgültigkeit in der Behandlung der Bibel und ihrer Texte erkennen. Nach Absatz 15 des Wachtturm bilden jetzt die von den Zeugen so genannten »Gesalbten« als Klasse diese Generation, die nicht vergehen würde, und man schränkte den Begriff in der Fußnote auf die Gesalbten seit 1914 ein, denn sie vom Jahre 33 an dazu zu zählen, würde doch den Generationsbegriff zu sehr strapazieren.

Aber man hat sich doch das drückende Zeitproblem vom Hals geschafft, denn da gemäß des Wachtturm vom 1.5.2007 der Zugang zu den Gesalbten wieder eröffnet wurde (Leserfrage), wird es wohl immer welche geben, die von den Symbolen Brot und Wein nehmen und sich damit als Gesalbte kundtun.

Damit ist auch das Ende der Generation nach hinten offen.

Diese Tatsache ist wahrhaftig »zweifellos«. Und wenn man genau hinsieht, gibt es wieder keine kontextuelle Grundlage für diese neue Deutung; Jesus hat nicht die Jünger und ihresgleichen gemeint, nur weil er die Zeichen des Endes mit ihnen besprach, so wenig er sie meinte, als er davon sprach, dass jene Menschen sich verhalten würden wie die in den Tagen Noahs. Wahrlich, eine akrobatische, ja artistische Bibelauslegung.

Innerhalb von nur 15 Jahren drei Deutungen

Wenn ich daran denke, wie sehr die alten Brüder und Schwestern auf Grund der Deutung der Generation auf ihr Überleben hofften - viele sind inzwischen verschieden, manche haben aber noch die wahren Urheber solcher Täuschungen erkannt, - dann hat diese Falschdeutung ohne gründliche Prüfung des Kontextes - unendliches Leid, Kummer und Schmerz gebracht und zu vielen Depressionen geführt; aber das kann doch einen Sklaven nicht erschüttern.

Innerhalb von 15 Jahren drei verschiedene Deutungen, aber nicht nur das: Die Deutungen sind so unterschiedlich, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Und alles ist zu glaubende Wahrheit (gewesen). Die Leitende Körperschaft ist mit ihren Lehränderungen wirklich rekordverdächtig. Eine Übersicht über die Deutung von Matthäus 24:34 sähe so aus:

  • Jahrzehntelang bis 1995: die 1914 lebende Generation (seit 1995 falsch)
  • 1995 bis 2008: die bösen und gottlosen Menschen (seit 2008 falsch)
  • 2008 bis ****: die Gesalbten des Herrn ab 1914 (seit **** falsch - Datum bitte einsetzen, es kommt bestimmt)

Kann jemand angesichts solcher Fakten noch von einer gewissenhaften, verantwortungsbewussten und seriösen Bibelauslegung sprechen? Kein Wunder, dass die jeweils am 15. eines Monats veröffentlichten Wachttürme nicht mehr für die Öffentlichkeit gedacht sind. Aber den Zeugen kann man alles zumuten! Was vom Sklaven kommt, wird angenommen. Da lassen sie sich drehen wie die Wespe im Netz der kleinen Spinne!


Kommentare

01
Kann mich noch daran erinnern, wie ich mich in den 70ern als Kind fragte - wie wollen die sich da rauswinden, wenn die Zeit vergeht und die Generation von 1914 ausgestorben ist, und das Ende nicht gekommen ist? Wir sehen nun, wie sich sich rausgewunden haben - mit ein paar Zeilen im Wachtturm von 1995.

Welche Auswirkungen hatte diese Änderung einer jahrzehntelang als Wahrheit gehandelten Lehrmeinung? Keine!

Das zeigt uns - die Leute sind nicht an Wahrheit interessiert, das Fußvolk folgt blind einer Organisation, die sie über Jahrzehnte so mit manipulativen Suggestionen zugemüllt hat, dass sie es nicht erkennen können, was vor sich geht. Und die Organisation wird ihre Lehren und Wahrheiten stets so formen, wie es ihren Interessen entgegenkommt. So ist man ja derzeit erpicht auf die Anerkennung als K.d.ö.R - vor wenigen Jahren noch hat man dies strikt abgelehnt, aus Gewissens- und Glaubensgründen, so zumindest steht es in einem Gerichtsprotokoll.

Armselig - doch hey, SO funktioniert Religion! Also nichts neues ...

sepp [28.09.2011]
02
Hallo liebe(r) Unbekannte(r):

Deinen Beitrag habe ich mit großem Vergnügen und innerer Genugtuung gelesen. Vor allem Deine pointierten Formulierungen und logischen Fragestellungen überzeugen.

Zitat: "Daher frage ich mich: Sollte nicht jede biblische Deutung erst nach einer eingehenden und gründlichen Betrachtung des Kontextes geschehen? Hat man 1995 und auch vorher Deutungen vorgelegt ohne gründliche Betrachtung des Kontextes und dann von Millionen von Menschen verlangt, diese ohne gründliche Betrachtung veröffentlichten Auslegungen zu glauben und zu vertreten, und dies sogar unter der Drohung disziplinarer Maßnahmen?Hat man »geschludert«, um es milde auszudrücken - die Auslegungen bei einem Bierabend abgesprochen in fröhlicher Runde?"

Bei dem Letzteren habe ich allerdings Zweifel. Von Bier und Fröhlichkeit ist in den oberen Etagen des WT-Konzerns wohl kaum etwas zu bemerken - und wenn, dann zumindest nicht offiziell. Frei nach Martin Luther: "Aus einem verzagten Ar... kommt kein fröhlicher Furz!"

Und überhaupt scheint sich die Führung zunehmend damit schwer zu tun, Erklärungen für die Widersprüche und Ungereimtheiten und oft genug auch klaren Lügen in ihren Verlautbarungen zu finden, die doch manchmal sogar ganz offensichtlich sind.

Aber, in diesem Punkt muss ich Sepp zustimmen: "... das zeigt uns - die Leute sind nicht an Wahrheit interessiert ..." Nein, sie sind es nicht. Schon deswegen nicht, weil sie glauben, die Wahrheit bereits zu besitzen. Und diese lässt sich nicht infrage stellen. Weil es die Wahrheit ist, ja, vielmehr sein muss, weil sich ansonsten ein, mit hohem Aufwand gepflegtes und für teures Geld erworbenes Bild als Fälschung herausstellen und damit den persönlichen Supergau einleiten könnte.

Und wer möchte das schon?

Mit lieben Grüßen an alle

Will Cook [07.10.2011]
03
Danke für so eine gute Aufklärung. War entsetzt zu erfahren, dass die Zeugen Jehovas unter der Leitung der Freimaurer stehen. Arme Geschöpfe.

Manuela K. [18.10.2014]
04
Und die Zeugen stehen unter der Leitung von Verlegern, die für ihre Druckerzeugnisse einen festen und sicheren Stamm von Abnehmern haben. Da gibt es keine Ladenhüter, nur Bestseller! Wäre in den letzten hundert Jahren das Wort: „Allein die Schrift“, beherzigt worden, dann hätte der Verein vor 100 Jahren Konkurs anmelden müssen. Solange es Menschen gibt, die sich nicht vom Heiligen Geist leiten lassen wollen, sondern von „Schriftauslegern“, werden die Kassen weiter klingeln und das nicht nur bei der WT Society.

Barnabas 436 [18.10.2014]
05
Zitat Wachtturm vom 15.12.1995: "Auf wen bezieht sich der Ausdruck »diese Generation« aus Matthäus 24:34-39 in der endgültigen Erfüllung der Prophezeiung Jesu? Jesus nahm offensichtlich auf jene Erdbewohner Bezug, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht von ihren verkehrten Wegen umkehren." Zitat-Ende

Die einzigen, die das Zeichen der „Gegenwart“ Christi „sehen“, sind die Zeugen Jehovas und von daher ist der Schlusssatz des Zitats nicht gerade schmeichelhaft für sie, eher ungewollt entlarvend! Es ist der Irrtum der Zeugen zu meinen, die Aussagen des Herrn (Matth. 24,34 ff) bezögen sich auf die Generation 1914. Dieses Jahr ist nicht allein auf die 7 Zeiten-Rechenkünste zurückzuführen, sondern mit auf das von der „Muttergesellschaft“ der Zeugen, den Adventisten, propagierte Jahr 1844 (Miller-Bewegung)! Die in der Endzeitrede aufgeführten Ereignisse sind nicht erst im frühen 20. Jahrhundert aufgetreten, sondern begleiten die Menschheit seit Anbeginn ihrer Geschichte. Das Reich Gottes wird laut Lukas 16,16 von Johannes (dem Täufer) an verkündigt.

Wäre die Berechnung der Zeugen geschichtskonform, dann müßten sie das Jahr 1934 propagieren oder noch exakter 2520 * 5 Tage hinzurechnen = 34 Jahre und kämen auf das Jahr 1968. Ein auch nicht gerade ereignisloses Jahr.

Trotz aller Deutungsänderungen, was η γενεα bedeutet, 1914/18 ist für die Gesellschaft der Zeugen Jehovas das Ende der Herrschaft der Nationen angebrochen, trotz deren Weigerung, und Inthronisierung ihres Jesus (Erzengel Michael, einem der Fürsten, Dan. 10,13). Da die WTG in Datumsverschiebungen geübt ist, haben wir noch einiges in dieser Hinsicht zu erwarten. Vielleicht Ende der Einsammlung ab 1968 ff! Damit würde die theokratische Legitimation der Firmen-Geschäftsführung bis auf weiteres gesichert. Denn als “Kanal Gottes“ brauchen sie eine Generationen-übergreifende Kontinuität ihrer „göttlichen“ Bestätigung.

Barnabas 436 [20.10.2014]
06
Es geht auch einfacher: Jesus sagt: Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel in den Himmeln, auch nicht der Sohn, sondern der Vater allein. (Math 24.36)

So wacht nun! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. (Math25.13)

Wer lügt? Jesus oder die WTG? Wie sagt Jesus in Vers 35: Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber sollen nicht vergehen.

Gruss

Teetrinker [22.10.2014]
07
Die veränderten Lehren machen evtl. stutzig.

Doch was ist denn besser? Sich einen Fehler einzugestehen und sein Verhalten  bzw. seine Ansichten zu revidieren oder an der alten Lehre festzuhalten, auch wenn man weiß dass diese falsch sind?

Anderes Beispiel ist: Jehovas Zeugen rauchten bis 1934. Erst dann wurde erkannt, dass dies nicht zu vereinbaren ist mit dem Grundsatz der Nächstenliebe sowie dem Gebot das Leben zu ehren. Hätte man da an den alten Werten festhalten sollen?

Maddin [10.07.2016]

P.S. Ich wurde vom 9. Lebensjahr im Glauben der Z.J. erzogen. Mit 15 wandte ich mich dann ab. Rückblickend, (bin nun 33 ),kann ich sagen, dass mir viel Unheil erspart geblieben wäre, wenn ich mich mit 15 anders entschieden hätte. Aber ich wollte lieber frei sein. Ich weiß aber auch dass Jesus und Gott einen Menschen nicht zurückweisen wird wenn er zurück möchte. ( In welcher Konfession das dann auch sein mag.)
Hallo Martin, Dein Kommentar ist so verwaschen und unkonkret, dass ich Skrupel hatte, ihn zu veröffentlichen. Du arbeitest gezielt mit Allgemeinplätzen unter konsequentem Verzicht auf die Tatsachen aus der Wachtturm-Lehre. Deshalb zitiere ich hier die Seiten 124 bis 127 aus dem Buch "Falsche Zeugen stehen wider mich" von W. J. Schnell. Diese historische Beschreibung bildet einen schönen Kontrast zu Deiner Schönmalerei.

Zitat:

Falsche Zeugen stehen wider mich - von W. J. Schnell, Seiten 124-127

Christliche Verlagsanstalt, Konstanz, 1986

Sieben-Stufen-Schulungsplan

Einige Zeit danach wurde ein ausgeklügelter Sieben-Stufen-Schulungsplan ausgearbeitet, der die Gehirnwäsche festlegte, durch die ein Wachtturm-Königreichs-Verkündiger geformt wird!

Die erste Stufe bestand darin, Bücher in die Hände einer Person gelangen zu lassen. Jede Methode, die zu diesem Ziel führte, wurde als gut angesehen.

...

Dies war nur der erste Schritt in unserem klug ausgetüftelten Feldzug zur Schaffung einer Massenorganisation zur Erzielung des Massendenkens in religiösen Dingen - als ein Vorspiel zur Massenaktion.

Die zweite Stufe war der Nachbesuch, um den Käufer zum Studium des von ihm erworbenen Buches zu ermuntern. Dabei machte man Bemerkungen, durch die das Interesse an dem Buch gesteigert werden sollte. Man berichtete über dramatische Ereignisse, um den Appetit des Buchkäufers anzuregen. Bei der Kompanie wurde ein Berichtsformular über den Nachbesuch zu den Akten genommen. Damit sollte sichergestellt werden, daß der Betreffende ständig - mindestens aber einmal im Monat - besucht und bearbeitet wurde, wobei man immer auf dem Vorangegangenen aufbaute.

Die dritte Stufe bestand darin, daß man den Interessenten für ein wöchentliches Studium des von ihm gekauften Buches mit dem Verkündiger zu gewinnen suchte, dem sogenannten „Heimbibelstudium“. Doch diese Bezeichnung war eine Täuschung. Der Kursus hatte nämlich wenig mit der Bibel zu tun. Das Textbuch war vielmehr eine von der Wachtturm-Gesellschaft herausgegebene Schrift. Sein dürftiger biblischer Inhalt entsprach der Praxis dieser Leute: verdrehte Worte mit dem „neuen Licht vom Tempel“ vermengt. Alles diente nur dem einen Zweck: der Vergrößerung der Wachtturm-Gesellschaft.

Der Nachbesuch war in Wirklichkeit der erste unmittelbare Schritt zur Unterweisung. Er diente hauptsächlich dazu, die letzten Reste an Religiosität bei der betreffenden Person abzutöten. Dann kam das Buch, um die neue Idee einzupflanzen. Wer sich darauf einließ, war nach dem Jargon der Theokratie „ein Mensch guten Willens“ geworden. Nach und nach mußte er sich mit allen bei der Gesellschaft erschienenen Bücher vertraut machen, und man verleitete ihn zu einem Abonnement der Zeitschrift Erwachet! und Wachtturm. „Dies ist unser Bibelkursus“, sagte man. Konnte man einen Königreichs-Verkündiger dazu bringen, daß er wöchentlich zwei oder mehr solcher Heimstudien machte, so mußte er die Wachtturm-Bücher zwei- oder dreimal in der Woche lesen. Auf diese Weise wurde er allmählich mit der in dem Buch verwandten Phraseologie vertraut, die er dann stets bereit hatte. Mit der Zeit beginnen Jehovas Zeugen - als Folge der vielen Besuche - ganze Abschnitte des Buches wie Papageien nachzusprechen. So drangen die Grundsätze und Lehren der Wachtturm-Gesellschaft bis auf Punkt und Komma in den Geist von Jehovas Zeugen.

Der Nutzeffekt wirkte sich also nicht allein bei Jehovas Zeugen aus, sondern griff auch mit der Zeit auf deren als „Menschen guten Willens“ bezeichnete Schüler über. Mit dem Bücherverkauf, den Nachbesuchen und dem Buchstudium hatte die Gesellschaft ein System der Gehirnwäsche in Händen, das sich bei Jehovas Zeugen ebenso bewährte wie bei den von ihnen Bekehrten. Es beseitigte unmerklich jeden persönlichen Gedanken über Fragen der Bibel und der Religion. Zugleich schuf es neue und einheitliche Begriffe. So entwickelte die Wachtturm-Gesellschaft ein übles Organisations-Denken, das man später mit Theokratie-Denken bezeichnete.

Schon etwa beim vierten - fünften Heimbibelstudium fingen wir an, den Schüler auf die vierte Stufe vorzubereiten: das Bezirksstudium. Jede Stadt war in Bezirke eingeteilt. In jedem der Bezirke gab es ein Buchstudium. Die Zusammenkünfte fanden im allgemeinen am Freitag statt. Die Versammlung wurde unmittelbar von der Gruppe veranstaltet. Der „Studienleiter“ wurde von der Gesellschafl ernannt und arbeitete mit der Gruppe zusammen.

Während bisher das Buch für den „Mensch guten Willens“ die einzige Quelle des neuen Lichtes war, kam jetzt das Hin und Her eines gut eingespielten Dialogs der Verkündiger am runden Tisch hinzu. Hier wurde das „neue Licht“ fachmännisch und technisch gekonnt an- und abgeschaltet, indem man Ereignisse aus der Geschichte des Wachtturms erzählte und über ihre Ergebnisse referierte. Der „Mensch guten Willens“ bekam eine richtige Schau vorgeführt. Die mit dem Nachbesuch und dem „Hausbibelstudium“ verfolgten Ziele ließ man auch hier keinen Augenblick aus dem Auge.

Je mehr theokratisches Denken durch das Studium erreicht wurde, desto mehr theokratisches Handeln wurde ins Spiel gebracht. Zuerst benutzten wir Ereignisse, die jedermann bekannt waren, um mit den allgemein verbreiteten Ansichten der Menschen aufzuräumen und sie durch die fatalistische Idee vom bevorstehenden Ende der Welt und ihrer Zerstörung zu ersetzen. Sie erschienen durch unsere negative Darstellung in einem ganz anderen Licht, und so wurden Jehovas Zeugen zu den größten Schwarzsehern der Welt.

Ihre Spezialgebiete sind Vorhersagen, Afterglaube und Zeichen, nach denen sie pausenlos den Horizont auf das Weltende hin absuchen. Sie sind genau wie die Pharisäer „ein böses und abtrünniges Geschlecht, das nach einem Zeichen sucht“. Das einzige Zeichen aber, das ihnen gegeben ist, „ist das Zeichen des Menschensohnes am Himmel“, und an das glauben sie nicht.

Für die einzelnen Zeiten des Kirchenjahres hielten wir gern Dinge bereit, die wir „Sonder-Entlarvungen“ nannten. Um Weihnachten herum behaupteten wir - und versuchten, höchst geheimnisvoll zu beweisen -‚ daß Jesus im Oktober geboren sei. Um die Osterzeit erklärten wir, Ostern sei ein heidnisches Fest, und das Ei, der Hase und die Osterpalme seien rein heidnische Symbole.

Jede Woche, beim Bezirksstudium, behandelten wir vor allem solche Themen, die den Menschen Sorge machten. Im allgemeinen gingen wir so vor, daß wir die Besorgnisse der Leute steigerten, um ihnen dann zu sagen, daß sie gerade damit die Schrift erfüllten. Ihre Sorgen und ihr Jammer sei nichts anderes als das Seufzen ihrer Seelen nach dem Königreich. Infolge ihres Verlangens und ihrer Unzufriedenheit gehörten sie zu der Klasse von Menschen, von der Hesekiel im neunten Kapitel prophezeit: „so da seufzen und jammern über alle Greuel, so darin geschehen“.

Hatten wir erst einmal genug Gehirnwäsche bei diesen „Menschen guten Willens“ getrieben, dann fühlten sie sich nicht mehr eins mit ihren früheren Glaubensgenossen. Sie fanden nur noch Fehler an ihnen. Jetzt waren sie bereit, neue Verbindungen einzugehen. Jetzt konnte man unter ihnen die Organisationslinie durchführen und ihre alten Ideen durch neue ersetzen.

Zum Abschluß eines jeden Bezirksstudiums waren fünf Minuten vorgesehen, während denen der Studienleiter Gruppenangelegenheiten bekanntgab, sowie die Zeiten für das Wachtturm-Studium, die Versammlungstermine in dem Königreichssaal und ihre besonderen Zwecke.

Das Bezirksbücherstudium wurde im Konferenzstil durchgeführt. Es war ein Meinungsaustausch, der durchweg nach einem festliegenden Schema erfolgte. Über einen bestimmten Buchabschnitt wurde eine Frage gestellt, auf die verschiedene Antworten gegeben wurden. Einige schlugen die angeführte Schriftstelle nach, während andere schließlich den Abschnitt vorlasen. Die Methode erwies sich als so neu und interessant für die „Menschen guten Willens“, deren frühere kirchliche Betätigung meist nur passiv gewesen war: Sie griffen den neuen Stil begierig auf. Bald legten sie sogar Wert darauf, vor Beginn der Versammlung gut unterrichtet zu sein. Sie lasen bereits vorher die betreffende Lektion durch und schlugen den Bibeltext nach. Man regte sie ständig hierzu an, damit sie die fraglichen Bibelstellen leicht finden konnten. Wir mußten ihnen ja das Gefühl geben, daß sie die Bibel studierten!

Der Umstand, daß man bei der Durcharbeit der Wachtturm-Literatur hin und wieder mit Erfolg die Bibel benutzte, rief eine Illusion hervor, durch die man die Tatsache verdeckte, daß in den Büchern ...

Zitat-Ende

An dieser Faktenlage erkennt man leicht, dass Dein Ideal der geistigen Flexibilität nur der schöne Traum eines Verführten ist. Du hast eine Organisation kennen gelernt, aber nie Jesus, denn Du darfst noch nicht mal mit ihm sprechen. [RH]

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Erstellungsdatum: 08.01.2008 ♦ DruckversionLinks auf andere Internetseiten