Mein Name ist Hans-Peter, ich wurde 1960 am Rande des Ruhrgebietes geboren. Ich war ein Nachzügler und wuchs quasi als Einzelkind auf, mein Vater war bei meiner Geburt 52 Jahre alt.
Wie meine Eltern zu den Zeugen Jehovas gekommen sind, weiß ich selbst nicht. Meine früheste Erinnerung ist, dass einmal in der Woche ein altes Ehepaar zum Bibelstudium kam. Ich muss wohl um die fünf Jahre alt gewesen sein, denn ich konnte schon lesen (meine Mutter hatte es mir recht früh beigebracht). Das war eigentlich auch ganz nett, die Leute gingen auch auf mich ein und eine Stunde im eigenen Wohnzimmer ging auch immer schnell rum. Dieses alte Ehepaar habe ich auch als gute und aufrechte Menschen in Erinnerung; er hatte für seine Überzeugung noch im KZ gesessen, und wenn meine Eltern Streit hatten, was öfter vorkam, haben sie immer wieder versucht zu vermitteln und Rat zu geben.
Als nächstes erinnere ich mich an die Zusammenkünfte. Die fanden zunächst in unserem Ort, später in der Nachbarstadt statt. Das bedeutete, sonntags früh aufzustehen, ziemlich unbequeme kratzige Sachen anziehen zu müssen und dann eine gute Stunde zu Fuß und per Bus in den Nachbarort zu pilgern. Das war eigentlich nicht so schlimm, die zwei Stunden Zusammenkunft dann schon eher. Ich erinnere mich hauptsächlich an Langeweile, schlechte Luft und schwitzende Leute. Mit der Zeit habe ich dann verschiedene Strategien entwickelt, um die Zeit zu überstehen: Ich hatte z.B. einen Bindfaden dabei, den konnte ich vorsichtig (sonst wurde er mir weggenommen) zum Boden runter- und wieder rauflassen. Nach der halben Zeit mal auf die Toilette gehen. Oder Sekundenzählen: noch eine Dreiviertelstunde, das sind 45 x 60 Sekunden, das sind 2700, bis ich das ausgerechnet habe, sind schon wieder 40 Sekunden rum, das sind dann 2660, und so weiter. Schläge habe ich nicht bekommen, ich war ein ziemlich ruhiges Kind; bei anderen Kindern war das aber gang und gäbe, wenn sie zu unruhig wurden.
Die Schule war für mich eigentlich kein Problem, ich war ein guter Schüler und habe von zu Hause aus nie Druck bekommen, in der Schule zu missionieren. Es war sogar ganz gut, eine Freistunde zu haben, wenn die anderen Religionsunterricht hatten.
Aber wenn man in einer Umgebung aufwächst, so nimmt man sie als richtig und natürlich an, und so kam mit zunehmendem Alter auch bei mir der Wunsch auf, in der Versammlung Anerkennung zu finden. Mittwochs ging ich dann auch zum Bibelstudium und schließlich noch freitags in die Predigtdienstzusammenkunft.
Meine Mutter ging zu dieser Zeit nicht mehr in die Versammlungen, sie fand das alles zwar ganz gut und richtig, war aber letztlich mehr an ihrer Arbeit interessiert. Mein Vater ging sonntags in die Versammlung, hat sich darüber hinaus aber nie sonderlich engagiert.
Natürlich ging ich dann auch mit anderen Brüdern in den Predigtdienst. Das war eine sehr zwiespältige Sache: Einerseits war ich davon überzeugt, das tun zu müssen, andererseits habe ich es immer gehasst. Ich fand es immer unendlich peinlich, bei wildfremden Leuten zu klingeln und ihnen eine Religion zu predigen, die ich selbst immer als irgendwie schräg und merkwürdig empfand. Andererseits war ich irgendwo tief davon überzeugt, predigen gehen zu müssen.
Das hat dann recht merkwürdige Effekte gehabt: Wir haben den Leuten an der Tür immer das "Wahrheits"-Buch angeboten. Nun sollte man etwas, was man verkauft, ja wenigstens selbst kennen. Ich fand das Teil aber immer dermaßen langweilig, dass ich nie fertiggebracht habe, es mal selbst zu lesen. Ich habe mir dann von anderen Brüdern eine Einleitung abgekuckt, kannte zwei oder drei Seiten, auf die ich verweisen konnte, und das reichte dann meistens auch. Genauso war es mit "Wachtturm" und "Erwachet".
In unserer Versammlung stand ich altersmäßig ziemlich allein da, die nächste Gruppe junger Leute war mindestens 4 bis 5 Jahre älter als ich. Natürlich möchte man als Kind/Jugendlicher auch Freunde haben und zu einer Gruppe dazugehören, und so war eines der herausragenden Erlebnisse, als wir eines nachmittags mit einer größeren Gruppe nachmittags ins Freibad gingen, ich muss damals um die 13 Jahre alt gewesen sein. Das allein war es aber nicht, hinterher ging es noch in eine Kneipe und ich bekam das erste Bier meines Lebens vorgesetzt und schon hatte ich gelernt, dass Alkohol etwas angenehmes ist. Im Rückblick gesehen war dieses Ereignis der Grundstein dafür, dass ich im Folgenden viele Jahre hart an der Kante zum Alkoholiker gelebt habe, wenn ich es ehrlich betrachte.
Spätestens im Alter von 13 bis 14 Jahren interessiert man sich als gesunder Junge natürlich auch für Mädchen, nur hat man als geborener Zeuge Jehovas in dieser Hinsicht eigentlich eine Chance von circa 0,0%, man weiß es nur selbst nicht. Man hat nicht gelernt, sich Mädchen zu nähern, geschweige denn mit ihnen umzugehen, und alles, was mit Liebe und Sex zu tun hat, ist sowieso Sünde, Befleckung und irgendwie pfui.
Weil meine Abschottung von der "Welt" aber nicht so hermetisch war wie bei anderen strammen Zeugen, hatte ich auch in der Schule einige Freundschaften. Darunter waren auch sehr nette Mädchen, die mich zwar leider nicht als Partner, aber doch als eine Art Bruder und Freund ernst nahmen, und mit denen ich viele gute Gespräche hatte. Ich war in dieser Zeit also ständig in Mädchen verliebt, die für mich aber leider unerreichbar waren. Resultat waren ständiges Unglücklichsein und immer wieder auch Selbstmordgedanken. Damals konnte ich das aber natürlich nicht richtig einordnen.
Aber nun setzte bei mir ein interessanter Denkprozess ein. Es war um das Jahr 1974 und unter den Zeugen galt es als ausgemacht, dass im Jahr 1975 die Welt untergehen würde, daran hatten wir nicht den geringsten Zweifel. Alle Menschen, die nicht zu "Gottes Organisation" gehörten, würden von ihm vernichtet werden. Wenn aber die Freundinnen, die ich kannte und von denen ich doch auf ihre Art so viel Liebe und Güte erfahren hatte, vernichtet würden, weil sie das falsche Etikett trugen, wäre das dann noch eine Welt, in der ich gern leben würde? Die Antwort fiel mir eigentlich nicht mehr schwer.
In dieser Zeit passierte dann etwas, was meine Entscheidung, die Zeugen Jehovas zu verlassen, wesentlich beschleunigt hat. In unserer Versammlung gab es ein Mädchen, das in der Nachbarstadt arbeitete, sie hat dann schließlich dort auch ein Zimmer oder eine Wohnung genommen. Wie es dann so kommt, hatte sie dann wohl einen Freund und wurde schwanger. Davon wusste ich natürlich nichts mit meinen 13, 14 Jahren, bis es dann eines Sonntags von der Bühne verkündet wurde, das Schwester L. aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird.
Ab dem Tag sprach niemand mehr mit ihr, obwohl sie nach einigen Wochen wieder in die Versammlung kam. Niemand grüßte sie mehr, als ob sie Luft wäre! Man stelle sich vor: Ein junges Mädchen hat eh schon Probleme, weil sie schwanger ist, und die einzigen Leute, die sie kennt, weil sie ja keine Freundschaften in der "bösen Welt" haben darf, behandeln sie auf einmal wie Luft! Was für eine Schweinerei, was für eine Niedertracht! Spätestens ab da war der Gott, der so etwas verlangte, für mich gestorben.
Ich fing dann an, mich langsam abzuseilen, d.h., ich ging seltener in die Versammlung. Zuerst fragten freundliche Brüder und Schwestern, warum ich denn nicht mehr komme, dann tauchten nach und nach die Ältesten auf, eigentlich immer ganz freundlich im Ton. Irgendwann kam dann ein Brief, eine Vorladung zu ichweißnichtmehrwas. Ich bin natürlich nicht hingegangen und irgendwann kam der Brief mit dem Ausschluss wegen "unchristlichen Lebenswandels".
Vorüber waren die Probleme deshalb aber noch lange nicht. Ich war 15, halber Alkoholiker und im Grunde beziehungsunfähig. Die Zeit ging aber weiter, ich machte mein Abi, ging nach Süddeutschland, studierte und fand nach vielen bitteren Erfahrungen langsam zurück zu mir, aber das ist eine andere Geschichte.
Jahre später hatte ich eigentlich mit den Zeugen Jehovas abgeschlossen. Ich war zu der Meinung gekommen, dass es zwar ein etwas merkwürdiger Glaube sei, dass aber schließlich jeder selbst entscheiden darf, was er glaubt.
Ich fand Erfahrungsberichte von anderen Ex-Zeugen. Einer berichtete von der "geistigen Speise", die immer angeblich so "erbaulich gewesen" sei, die ihn aber irgendwie nie recht erbaut hatte. Es ging anderen genauso, nur wollte es keiner zugeben! Das ganze sinnlose Geschwätz, das von der Bühne kam, war vollkommen aussagefrei!
Andere erzählten von den psychischen Beschädigungen, die man bei den Zeugen Jehovas erfährt, und dass man als Faustregel pro 2 Jahre ZJ ungefähr 1 Jahr braucht, bis man wieder halbwegs gesund wird. Und dann wurde mir so langsam klar, dass ich in der Zeit bei den Zeugen Jehovas und auch danach im Grunde schwere psychische Probleme gehabt hatte und was diese Sekte mit Menschen macht.
Aber was war das Interesse dahinter? Für mich waren die Zeugen Jehovas Überzeugungstäter, die an ihre Sache glaubten, denn um Geld konnte es ja nicht gehen, bei 25 Pfennig pro Heft und einer Mark pro Buch, oder? Hmmm . dann stieß ich auf Berichte aus Selters, Leute, die ohne Lohn, ohne Ausbildung und ohne jede Sozialversicherung arbeiten und die, die bei Arbeitsunfällen vor die Tür gesetzt werden, damit die böse Welt sich dann um sie kümmert. Königreichssäle . Immobilien in bester Lage, die von frommen Brüdern und Schwester quasi umsonst gebaut werden . Wenn man das mal nachrechnet, sieht das mit dem finanziellen Interesse schon ganz anders aus!
Ich stieß auch auf Seiten, die über versteckte Bilder in den Publikationen der Zeugen berichteten, so genannte subliminale Bilder. Manches schien etwas weit hergeholt, aber im Ganzen sind diese versteckten Bilder nicht abzustreiten. Ich weiß nicht, ob diese Bilder bewusst "eingewebt" werden oder nicht, aber wie heißt es? "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" Und dann wurde mir klar, dass die WTG genau das praktiziert, vor dem sie immer "warnt": Sie beschwört Dämonen und bösartigste Geister, indem sie die Aufmerksamkeit ihrer Schäfchen immer wieder darauf lenkt! Wenn man lange genug über etwas redet, wird es irgendwann wahr: Meine Frau hatte eine Zeugin als Arbeitkollegin, die arme Frau hat ihr von ihren Albträumen über Harmagedon erzählt, in denen sie durch Blut und Leichenteile watet!
Aber das geht alles noch nicht weit genug. Sitzen in Brooklyn irgendwelche Greise, die sich bewusst verschworen haben, ihre 6,5 Millionen Schäfchen zu verscheißern? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass diese Leute genauso Marionetten des Bildes sind, das sie erschaffen haben. Und dieser übellaunige, rachsüchtige, blutsaufende, cholerische Typ ist für mich mittlerweile nichts anderes als der "Teufel" selbst, den sie angeblich so verabscheuen. Wenn genug Leute die gleiche kranke Phantasie teilen, bekommt diese Phantasie irgendwann ein Eigenleben und ihre eigene Realität.
Heute bin ich seit nunmehr 30 Jahren Buddist und habe darin für mich wirklichen Frieden gefunden. Für andere mag das anders sein, sie mögen bei Jesus und in der Bibel das finden, nach dem sie suchen, damit habe ich kein Problem. Wichtig ist, dass wir uns bei allem, was wir tun, unser gesundes Urteilsvermögen und unsere Mitmenschlichkeit bewahren und uns nicht von irgendwelchen Gesellschaften vorschreiben lassen, was wir zu glauben haben.