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Gebet II

1. Wer betet, meint damit nicht, Gott gebe uns ohne Gebet gar nichts oder kenne unsere Nöte nicht. Aber Beten hat diesen großen Vorzug: In der Haltung des Gebets ist die Seele am besten bereit, den Geber des Segens zu empfangen sowie jene Segnungen, die er schenken will. Deshalb wurde die Fülle des Geistes noch nicht am ersten Tag auf die Apostel ausgegossen, sondern erst nach zehn Tagen besonderer Zurüstung.

Wenn eine Segnung einem Menschen verliehen würde, der sich auf sie nicht besonders gerüstet hat, dann würde er sie weder genügend würdigen noch lange bewahren. So ging es zum Beispiel mit Saul. Er empfing den Heiligen Geist und die Königswürde, ohne dass er sie gesucht hatte. Deshalb verlor er sehr bald beides; denn er war vom Hause fortgegangen, nicht weil er den Heiligen Geist erlangen, sondern weil er seine verlorenen Esel suchen wollte (1. Sam. 9, 3; 10.11; 15, 13-14;31, 4).

2. Der Mensch des Gebetes allein kann Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. Die anderen gleichen der empfindsamen Pflanze. Während des Gottesdienstes bewegt sie die Lehre und Gegenwart des Heiligen Geistes: Sie beugen ihr Haupt und werden ernsthaft; aber kaum haben sie die Kirche verlassen, so treiben sie es wieder wie zuvor.

3. Wenn wir einen Baum oder Strauch, der gute Früchte oder Blüten trägt, nicht ordentlich pflegen, dann verwildert er und fällt wieder in seinen wilden Zustand zurück. Ebenso kann es dem Gläubigen ergehen: Wenn er nachlässt im Gebet und matt wird im geistlichen Leben, dann hört er auf, in mir zu bleiben, und wird, eben wegen dieser Nachlässigkeit, aus jenem Segenszustand fallen, wieder auf seine alten Sündenwege zurücksinken und verloren gehen.

4. Wenn wir einen Kranich sehen, wie er unbeweglich am Ufer eines Tümpels oder Teiches steht, so möchten wir aus seiner Haltung schließen, er sinne über die Herrlichkeit Gottes nach oder über die ausgezeichnete Eigenschaft des Wassers. Doch dem ist nicht so! Wohl steht er dort stundenlang, ohne sich zu bewegen; aber sowie er nur einen Frosch oder Fisch erblickt, springt er auf ihn zu und verschluckt ihn mit Gier. Genau so verhalten sich viele Menschen beim Gebet und bei der religiösen Versenkung. Sie sitzen am Ufer des grenzenlosen Ozeans Gottes, aber sie haben keinen Gedanken für seine Majestät und Liebe oder seine göttliche Art, die von der Sünde reinigt und die hungrige Seele sättigt, sondern sie gehen ganz auf in dem Gedanken, wie sie etwas erwerben können, wonach sie besonders verlangt, und wodurch sie sich noch tiefer den Lüsten dieser vergänglichen Welt hingeben können. Dadurch wenden sie sich von der Quelle des wahren Friedens ab, tauchen in die vergänglichen Freuden dieser Welt, sterben mit ihnen und vergehen.

5. Wasser und Erdöl kommen beide aus der Erde. Und obgleich sie einander ähnlich sehen und sogar zu gleichen scheinen, so sind sie nach ihrer Art wie Bestimmung einander geradzu entgegengesetzt, denn das eine löscht das Feuer, während das andere ihm Brennstoff liefert. So ist auch die Welt mit ihren Schätzen sowie das Herz mit seinem Durst nach Gott gleichermaßen seine Schöpfung. Wer nun sein Herz mit Reichtum, Stolz und Ehren dieser Welt befriedigen will, der erlebt das selbe, wie wenn er versucht, ein Feuer mit Öl zu löschen; denn das Herz kann Ruhe und Zufriedenheit nur in ihm finden, der beides geschaffen hat: das Herz wie sein sehnendes Verlangen (Ps. 42, 2-1). Wer deshalb jetzt zu mir kommt, dem will ich jenes lebendige Wasser geben, so dass ihn nicht mehr dürstet; vielmehr soll in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. (Joh. 4, 14).

6. Die Menschen versuchen vergeblich, in der Welt und den Dingen der Welt Frieden zu gewinnen; aber die Erfahrung zeigt klar, wahrer Frieden und wahre Zufriedenheit sind so nicht zu finden. Sie gleichen dem Knaben, der eine Zwiebel fand: Er begann ihre Häute abzuschälen, denn er hoffte, er werde innen etwas finden, so wie man etwas in einer Kiste findet, wenn man den Deckel abgenommen hat. Aber seine Erwartung hatte getrogen, denn er fand nichts als die letzte Haut: Eine Zwiebel besteht nur aus Häuten. Und diese Welt und was zu ihr gehört, das ist alles ganz eitel (Prediger Salomo 12, 8), bis die Menschen die wahre Quelle des Friedens entdecken (Jes. 55, 1; Jer. 2, 13; Offbg. 22, 17).

7. Die Welt gleicht einer Luftspiegelung. Der Wahrheitssucher hofft, er werde etwas finden, was seinen durstigen Geist zufriedenstellt, und macht sich auf, um es zu suchen. Doch ihm begegnet nichts als Enttäuschung und Verzweiflung. Das Wasser des Lebens kann man nicht in Wasserlöchern finden, von Menschen gemacht, oder in zerbrochenen Zisternen. Aber wer sich mir mit reinem Herzen naht im Gebet, wird in mir, der ich die Quelle des lebendigen Wassers bin, das finden, was ihm Zufriedenheit, Kräftigung und ewiges Leben gibt (Jes. 55, 1; Jer. 2, 13; Offenbarung 22, 17).

8. Eine Frau wanderte auf einem Bergpfad und trug ihr Kind in ihren Armen. Da sah das Kind eine hübsche Blume und tat einen solchen Sprung aus den Armen seiner Mutter, dass es kopfüber den Bergabhang hinabfiel, mit dem Kopf auf einem Felsen aufschlug und sofort tot war. Nun ist vollkommen klar: Des Kindes Sicherheit und Nahrung war an der Brust der Mutter zu finden und nicht bei jenen bezaubernden Blumen; die führten vielmehr zu seinem Tod. Genau so handelt der Gläubige, der kein Gebetsleben führt. Wenn er die vergänglichen und bezaubernden Freuden der Welt erblickt, dann vergisst er meine Liebe und Fürsorge, die viel größer sind als die einer Mutter, missachtet die geistliche Milch, womit ich ihn versorge, springt aus meinen Armen und geht verloren.

9. Es ist so eingerichtet, dass das Kind die Nahrung, die ihm die Mutter darreicht, nur zu sich nehmen kann, wenn es auch etwas tut, nämlich saugen. So müssen auch meine geistlichen Kinder, die ich an meiner Brust trage, wenn sie die geistliche Milch empfangen wollen, die allein ihre Seelen retten kann, suchen. Ferner muss ein Kind nicht erst gelehrt werden, sondern weiß aus eigenem Antrieb, wo und wie es seine Nahrung erhält. Ebenso wissen, die aus dem Geist wiedergeboren sind, nicht aus weltlicher Philosophie und Weisheit, sondern aus geistlichem Trieb, wie sie zu beten haben, um von mir, ihrer göttlichen Mutter, die Milch des ewigen Lebens zu erlangen.

10. Ich habe in den Menschen Hunger und Durst hineingelegt, damit er nicht aus reiner Unachtsamkeit sich selbst für Gott halten möge, sondern damit er Tag für Tag an seine Nöte erinnert werde und daran, dass sein Leben an das Leben und Wirken dessen gebunden ist, der ihn geschaffen hat. Wenn er sich so seiner Mängel und Nöte bewusst bleibt, kann er in mir bleiben und ich in ihm, und dann wird er auf ewig seine Seligkeit und Freude in mir finden.
Quelle:
Sadhu Sundar Singh, Gesammelte Schriften
Übersetzt und erläutert von Friso Melzer, 3. Auflage
Evang. Missionsverlag G.m.b.H., Stuttgart
Balser Missionsbuchhandlung G.m.b.H. Basel

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Erstellungsdatum: 20.09.2007 ♦ DruckversionLinks auf andere Internetseiten
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