Das Kreuz und das Geheimnis des Leidens II
1. In der bitteren Kälte des Winters stehen die Bäume vom Laub entblößt, und es scheint, als sei ihr Leben für immer entwichen; doch im Lenz treiben sie neue Blätter und schöne Blüten, und dann kommen Früchte. So stand es auch um mich, als ich gekreuzigt und wieder auferweckt wurde. Und so steht es auch mit meinen getreuen Kreuzträgern (2. Kor. 4, 8-11; 6, 4-10). Obwohl es so aussieht, als seien sie unter ihrem Kreuz zermalmt und tot, so bringen sie dennoch die schönen Blüten und herrlichen Früchte des ewigen Lebens, die da bleiben ewiglich.
2. Wenn ein edler Baum auf einen unedlen gepfropft wird, spüren beide das Messer und müssen beide leiden, damit der unedle Baum edle Früchte trage. Ebenso mussten zuerst ich selbst und danach auch Gläubige die Qualen des Kreuzes leiden, damit in der Menschen böses und sündenvergiftetes Wesen geistliches und heiliges Leben eingehe und sie in Zukunft gute Früchte bringen und dadurch die herrliche Liebe Gottes offenbaren.
3. Wenn euch die Menschen in dieser Welt verleumden und verfolgen, so lasset euch das nicht überraschen oder bedrücken, denn diese Welt ist für euch kein Ruheplatz, sondern ein Schlachtfeld. Weh euch, wenn die Menschen dieser Welt euch wohlreden (Luk. 6, 26), denn das beweist, dass ihr deren verkehrten Wegen und Gewohnheiten folgt. Meine Kinder zu loben, geht gegen ihr wahres Wesen, denn Licht und Finsternis können nicht zusammengehen. Wenn böse Menschen um des äußeren Scheines willen gegen ihre Art handeln und euch nicht mehr verfolgen, dann habt ihr um so größeren Schaden, denn ihr Einfluss dringt in euer geistliches Leben und hemmt euer geistliches Wachstum.
Wenn ihr der Welt oder weltlichen Menschen vertraut, so baut ihr euer Haus auf Sand; denn heute erheben sie euch, und morgen schlagen sie euch nieder, so dass keine Spur mehr von euch übrig bleibt, denn sie sind in allen Dingen unbeständig. Als ich zum Passahfest nach Jerusalem ging, da schrieen sie alle wie mit einer Stimme: "Hosianna, Hosianna!" (Matth. 21, 9). Und als sie drei Tage später sahen, dass das, was ich sagte, gegen ihr sündiges und selbstsüchtiges Leben ging, änderten sie sogleich ihren Sinn und schrieen: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!" (Luk. 23, 21).
4. Wenn einmal einige oder gar alle Gläubigen sich aus Missverstand gegen euch wenden und euch Schmerzen bereiten, so müsst ihr das nicht als ein Unglück ansehen. Tut nur aufrichtig und getreu unter der Leitung des Heiligen Geistes weiterhin eure Pflicht, dann sind, wie ihr wisst, Gott selbst und alle Heere des Himmels auf eurer Seite.
Lasset euch nicht entmutigen, denn die Zeit ist nahe, da alle eure Absichten und Pläne und all eure selbstlose Liebe der ganzen Welt bekannt gemacht werden. Dann wird euch in Aller Gegenwart für euer Mühen und treues Dienen Ehre angetan.
Auch ich musste - zur Erlösung der Menschen - alles aufgeben und wurde selbst von allen aufgegeben; aber am Ende gewann ich alles zurück. So seid auch nicht überrascht, wenn die Welt euch verlässt, denn sie hat Gott selbst verlassen. Darin werdet ihr nur als rechte Kinder eures Vaters befunden.
5. Denke nicht, die Menschen, die ein üppiges Leben führen und in weltlichen Angelegenheiten immer Erfolg haben, seien alle wahre Gottesanbeter; denn oft ist das Gegenteil der Fall. Schafe können sich wohl von Hürde und Hirten entfernen und im Dschungel gute Weide finden, aber all die Zeit über laufen sie Gefahr, dass Raubtiere sie in Stücke reißen, und das wird ihnen schließlich auch geschehen. Doch die in der Hürde beim Hirten bleiben, obgleich sie krank und schwach erscheinen mögen, sind sicherlich frei von Gefahr und in des Hirten Fürsorge. So unterscheiden sich Gläubige und Ungläubige.
6. Das Leben des Gläubigen und das des Ungläubigen zeigen zum Anfang große Ähnlichkeit, aber wenn ihr Ende kommt, so sind sie so verschieden wie Schlange und Seidenraupe. Die Schlange, wie oft sie sich auch häutet, bleibt stets eine Schlange; aber die Seidenraupe, wenn sie ihre hässliche Hülle abgeworfen hat, wird eine neue Kreatur und fliegt als zarter hübscher Schmetterling in der Luft umher. So geht der Gläubige, wenn er diesen Leib abgelegt hat, in einen Zustand geistlicher Herrlichkeit ein und steigt auf ewig zum Himmel empor, während der Sünder nach dem Tode nichts als ein Sünder ist.
Obgleich die Seidenraupe, in ihrer Hülle eingeengt, sich in einem Zustand der Bedrückung und des Kampfes befindet, als ob sie am Kreuz leiden müsste, so lässt doch gerade dieses Ringen ihre Flügel erstarken und rüstet sie für ihr künftiges Leben aus. So stehen auch meine Kinder, während sie im Leibe leben, in geistlichem Kampf und Widerstreit und erwarten ihre Befreiung mit Seufzen und Sehnen. Aber durchs Kreuztragen gebe ich ihnen Kraft, und sie werden ausgerüstet für das ewige Leben (Röm. 8, 23).
Mitten in diesem geistlichen Kriegleben, und selbst wenn sie ihr Kreuz tragen, gebe ich ihnen ein Herz voll wunderbaren Friedens, damit sie ihren Mut nicht verlieren. Zum Beispiel: Als einer meiner getreuen Märtyrer für mich in Wort und Tat Zeugnis abgelegt hatte, nahmen ihn seine Feinde und hängten ihn an einen Baum, den Kopf nach unten. In dieser Lage war sein Gemüt so voller Frieden, dass er weder Schmerz noch Schande spürte, sondern sich zu seinen Verfolgern wandte und sagte: "Die Art, wie ihr mich behandelt, kann mich nicht erschrecken noch vernichten; denn in einer Welt, wo alles auf dem Kopf steht und nichts Aufrechtes zu sehen ist, kann ich nichts anderes erwarten. Ihr meint, ihr habt mich im Einklang mit eurem Wesen verkehrt aufgehängt; aber in Wirklichkeit bin ich nun in der richtigen Stellung. Es geht mir wie dem Bild in einer Bildlaterne: Nur wenn es auf den Kopf gestellt wird, erscheint es in seiner richtigen Gestalt. Und obgleich ich in den Augen der Welt auf dem Kopf stehe, so habe ich vor Gott und der himmlischen Welt doch die rechte Haltung. Und ich danke ihm für dieses herrliche Kreuz."
8. Mitunter würde es Gläubigen leicht, um meines Namens will zu Märtyrern zu werden. Aber ich brauche auch lebende Zeugen, die sich anderen zum Heil täglich zum lebendigen Opfer bringen (1. Kor. 15, 31). Sterben ist leicht, aber Leben ist schwer; denn das Leben eines Gläubigen ist ein tägliches Sterben. Die aber so bereit sind, um meinetwillen ihr Leben hinzugeben, die sollen an meiner Herrlichkeit teilhaben und in der Freude Fülle mit mir ewiglich leben.
9. Sollten Schmerzen und Leiden, Sorge und Kummer sich gleich Wolken erheben und eine Zeitlang die Sonne der Gerechtigkeit verdunkeln und sie deinem Blick verbergen, so erschrick nicht, denn am Ende wird diese Wolke des Wehs auf dein Haupt Segnungen herabgießen, und die Sonne der Gerechtigkeit wird über dir aufgehen und nimmermehr versinken (Joh. 16, 20-22).
Quelle:Sadhu Sundar Singh, Gesammelte Schriften
Übersetzt und erläutert von Friso Melzer, 3. Auflage
Evang. Missionsverlag G.m.b.H., Stuttgart
Balser Missionsbuchhandlung G.m.b.H. Basel
Kommentare
Ich finde das wunderschön. Vielen Dank fürs Lesen.
Doris [05.03.2008]