1. Das Gehirn ist ein sehr zartes und empfindames Werkzeug: Es ist mit vielen feinen Sinnen ausgestattet; diese empfangen in der Innerung Botschaften aus der unsichtbaren Welt und rufen Gedanken hervor, die das durchschnittliche menschliche Denken weit überragen. Das Gehirn erzeugt diese Gedanken nicht, sondern empfängt sie aus der unsichtbaren Geisteswelt und gibt sie in Ausdrücken des menschlichen Lebens wieder, die den Menschen vertraut sind. Manche Menschen empfangen solche Botschaften in Träumen, andere in Gesichten und wieder andere in wachen Stunden während der Innerung. Das Gebet befähigt uns, zwischen den nützlichen und den unnützen der so empfangenen Botschaften zu unterscheiden, denn im wirklichen Gebet strömt Licht aus von Gott und erleuchtet den allerinnersten und empfindsamsten Teil der Seele: Das Gewissen oder den sittlichen Sinn. Reiche Farben, feine Musik und andere wundervolle Wahrnehmungen und Klänge aus der unsichtbaren Welt versuchen, in ihren Gedichten und Gemälden diese unsichtbaren Wirklichkeiten, die auf sie eindringen, zu deuten, verstehen aber oftmals ihre wirkliche Quelle nicht. Doch der Mensch der Innerung berührt, sozusagen, das Herz dieser Wirklichkeiten und genießt ihre Seligkeit, denn seine Seele und die Geisteswelt, woher sie kommen, sind einander nahe verwandt.
2. Manchmal, wenn wir neue Orte besuchen, ist es uns, als seien wir schon einmal dort gewesen oder als hätten wir irgendeine unbekannte Verbindung mit ihnen. Diese Tatsache lässt sich auf dreifache Weise erklären. Erstens kann ein anderer, der die Orte besucht hat, über sie nachgedacht und ohne unser Wissen uns seine Gedanken auf geheimnisvolle Weise mitgeteilt haben. Zweitens können wir andere ähnliche Orte gesehen haben und die Erinnerung an die Ähnlichkeit kann uns auf neue Weise erschienen sein. Oder drittens könnte ein Abglanz der unsichtbaren Welt in unser Gemüt gefallen sein, denn unsere Seelen sind mit jener Welt verbunden, und auf uns wirken oft, ohne dass wir es wissen, Eindrücke aus jener Welt ein. Diese Welt ist der unsichtbaren Welt nachgebildet oder, mit anderen Worten, die Offenbarung der Geisteswelt in stofflicher Gestalt. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Welten bewegt unsere Gedanken immerfort. Wenn wir genügend Zeit in der Innerung verbringen, wird dieser Zusammenhang zwischen den beiden Welten immer deutlicher und klarer.
3. In der Innerung wird der wirkliche Zustand unserer Seelen offenbart. In der Innerung geben wir gewissermaßen Gott eine Gelegenheit, dass er zu uns spricht und uns mit seinen reichsten Segnungen beschenkt.
Was auch immer wir vermuten, von unseren Gedanken, Worten oder Taten wird niemals etwas ausgelöscht. Vielmehr ist es unserer Seele eingeprägt - mit anderen Worten: Im "Buch des Lebens" eingetragen. Die Innerung macht uns fähig, dass wir alles in der Furcht und Liebe Gottes tun und die Einträge in das Buch des Lebens rein erhalten; davon hängt unsere zukünftige Seligkeit oder Qual ab.
4. Gott ist unendlich, und wir sind endlich. Wir können wirklich den unendlichen Gott nicht vollkommen verstehen, aber er hat in uns einen Sinn geschaffen, der uns befähigt, uns seiner zu freuen. Der Ozean ist unermesslich, und wir können seine ungeheure Ausdehnung nicht überblicken, noch alle seine großen Schätze kennen lernen. Aber schon mit unserer Zungenspitze können wir sofort schmecken, der Ozean ist salzig. Wir wissen noch nicht alles, was der Ozean an Wissenswertem birgt, aber wir haben durch unseren Geschmack eine höchst wichtige Tatsache über die Art seines Wassers herausgefunden.
5. In Furcht, Wut oder Wahnsinn tun Menschen außergewöhnliche Dinge, da zerbrechen sie sogar eiserne Ketten. Diese Kraft wohnt offenbar dem Menschen inne; doch sie kommt nur zum Ausdruck, wenn sich seine gesamte Tatkraft auf ein einziges Ziel richtet. Gleicherweise kann des Menschen Kraft durch göttliche Macht verstärkt in der Innerung die Sündenknechtschaft zerbrechen und große und nützliche Arbeit verrichten. Doch zu gleicher Zeit kann diese von Gott gegebene Kraft, wenn sie auf falsche Weise gebraucht wird, sich als gefährlich erweisen. Bomben, Maschinengewehre, Kanonen - wie mächtig sind sie und dennoch, wie zerstörend und gefährlich!
6. Wenn wir in Gedanken versunken sind, beachten wir, obgleich bei vollem Bewusstsein, weder den Wohlgeruch der Blumen noch den Zauber der Musik oder die Schönheit der Natur. Sie sind scheinbar für uns nicht vorhanden. Ebenso ergeht es den Leuten, die in weltliche Dinge versunken sind: Geistliche Wirklichkeiten scheinen für sie nicht vorhanden zu sein. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht (Matth. 13, 13).
7. Eines Tages sah ich eine Blume und begann, über ihren Wohlgeruch und ihre Schönheit nachzusinnen. Als ich mehr in die Tiefe drang, sah ich den Schöpfer hinter seiner Schöpfung, obwohl er meinem Blick verborgen war. Das erfüllte mich mit Freude. Doch meine Freude wurde noch größer, als ich entdeckte, wie er auch in meiner Seele wirkt. Da trieb es mich auszurufen: "Oh, wie bist du wunderbar! Du bist von deiner Schöpfung getrennt und erfüllst sie dennoch mit deiner herrlichen Gegenwart."
8. Christus schrieb nichts, noch hieß er seine Apostel, sie sollten seine Lehre niederschreiben. Das geschah erstens deshalb, weil seine Worte Geist und Leben sind. Er weiß, Leben lässt sich nur Lebendigem einflößen, nicht aber den Seiten eines Buches. Zweistens ist zu sagen: Andere Lehrer hinterließen Bücher, denn sie schieden von ihren Schülern und wollten ihnen duch ihre Bücher, die an die Stelle ihrer lebendigen Stimme traten, in Zeiten der Not helfen. Unser Herr dagegen hat seine Nachfolger niemals verlassen. Er ist immer bei uns und seine lebendige Stimme und Gegenwart gibt uns immer Rat. Nach seiner Himmelfahrt begeisterte der selbe in ihnen wohnende Geist die Jünger, dass sie die Evangelien schrieben.
9. Wenn wir immer wieder den selben Gedanken, das selbe Wort oder die selbe Tat wiederholen, so wird es uns zu Gewohnheit, und Gewohnheit bildet den Charakter. Deshalb müssen wir bei allem, was immer wir denken, sagen oder tun, sorgfältig bedenken, was die Folgen sein werden, ob gut oder schlecht. Wir sollen im Wohltun nicht gleichgültig werden, sonst laufen wir Gefahr, dass wir die Fähigkeit zum Wohltun verlieren. Eine Sache gut zu tun, ist schwierig; etwas Falsches ungeschehen zu machen und wieder zurecht zu bringen, ist noch schwieriger; aber etwas zu verderben, ist sehr leicht. Viel Zeit und Mühe ist nötig, um einen Baum aufzuziehen; aber ihn zu fällen, ist so leicht. Wenn er dürr und tot ist, dann ist es unmöglich, ihn wieder ins Leben zurückzubringen.