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Sadhu Sundar SinghErstes GesichtEinst ging ich in dunkler Nacht allein in den Wald um zu beten. Ich setzte mich auf einen Felsen, legte meine tiefen Nöte Gott hin und bat ihn um Hilfe. Nach kurzer Zeit sah ich einen ärmlichen Mann auf mich zukommen und dachte, er wollte mich um eine Unterstützung bitten, denn ihn hungerte und fror. Ich sagte zu ihm: "Ich bin selber arm und habe nichts als diese Decke. Ihr tätet besser, in das nahe Dorf zu gehen und dort um Hilfe zu bitten." Und siehe, während ich noch sprach, leuchtete er auf wie ein Blitz, überschüttete mich mit seinem Segen und verschwand sofort. Aber ach! Mir wurde klar: Das war mein geliebter Meister, und er war nicht gekommen, dass er von einem armen Geschöpf gleich mir etwas erbäte, sondern dass er mich segne und reich mache (2. Kor. 8, 9). Mir aber blieb nichts weiter übrig als zu weinen und zu wehklagen, dass ich so töricht und blind gewesen. Zweites Gesicht An einem anderen Tag, als meine Arbeit beendet war, ging ich wieder in den Wald um zu beten. Ich setzte mich auf den selben Felsen und fing an nachzudenken, um welche Segensgaben ich bitten sollte. Während ich noch so versunken dasaß, war es mir, ein anderer käme und stünde nahe bei mir: es schien - nach seiner Haltung, Kleidung und Redeweise zu urteilen - ein frommer Diener Gottes zu sein; aber seine Augen glitzerten vor List und Gerissenheit, und als er sprach, schien er einen Geruch der Hölle zu atmen. Er redete mich an: "Heiliger und geehrter Herr, verzeihen Sie, dass ich Ihre Gebete unterbreche und in Ihre Zurückgezogenheit eindringe; aber es ist unsere Pflicht, dass wir einander fördern, und so bin ich gekommen, weil ich Ihnen eine wichtige Sache vorlegen will. Ihr reines und selbstloses Leben hat nicht nur auf mich, sondern auf eine große Anzahl Frommer einen tiefen Eindruck gemacht. Aber obgleich Sie im Namen Gottes Leib und Seele für andere geopfert haben, sind Sie doch niemals recht gewürdigt worden. Dies ist meine Meinung: Da Sie Christ sind, so sind nur ein paar Tausend Christen unter Ihren Einfluss gekommen, und darunter misstrauen Ihnen einige sogar. Wieviel besser würde es sein, wenn Sie Hindu oder Mohammedaner und dadurch ein großer Führer würden! Sie suchen solch ein geistiges Haupt. Wenn Sie diesen meinen Vorschlag annehmen, werden Ihnen dreihundertzehn Millionen Hindus und Mohammedaner nachfolgen und Ihnen verehrungsvoll huldigen." Kaum hörte ich das, als auch schon diese Worte von meinen Lippen fielen: "Du Satan! Weiche von mir. Ich erkannte sofort, du bist ein Wolf in Schafskleidung! Dein einziger Wunsch ist, ich solle das Kreuz und den engen Weg, der zum Leben führt, aufgeben und den breiten Weg des Todes wählen. Aber mein Meister selbst ist mein Ein und Alles. Er hat Sein Leben für mich dahingegeben. Und mir geziemt es, dass ich mein Leben und alles, was ich habe, ihm, der mein Ein und Alles ist, zum Opfer bringe. Deshalb hebe dich von dannen, denn mit dir habe ich nichts zu schaffen." Als er das hörte, ging er knurrend und murrend davon. Und ich, in Tränen, strömte meine Seele zu Gott aus im Gebet: "Mein Herr Gott, mein Ein und Alles, Leben meines Lebens und Geist meines Geistes, blicke in Gnaden auf mich hernieder und erfülle mich mit deinem Heiligen Geist, damit mein Herz nur noch dich allein lieben kann. Ich erflehe von dir keine andere Gabe als dich allein, der du das Leben und alle seine Segnungen verleihst. Ich bitte dich nicht um die Welt oder ihre Schätze, nicht einmal um den Himmel bitte ich, sondern mich verlangt allein nach dir, und wo du bist, da ist der Himmel. Du allein kannst Hunger und Durst meines Herzens stillen, denn du hast es geschaffen. O mein Schöpfer! Du hast mein Herz für keinen anderen geschaffen als für dich allein; deshalb findet mein Herz Ruhe nur in dir allein, in dir, der du es geschaffen und ihm dieses Verlangen nach Ruhe eingepflanzt hast. So nimm denn aus meinem Herzen alles fort, was dir widerstrebt, und tritt ein und bleibe und regiere für immer. Amen." Als ich von diesem Gebet aufstand, sah ich ein leuchtendes Wesen vor mir stehen, in Licht und Schönheit gekleidet. Er sprach kein Wort. Und weil meine Augen voller Tränen waren, sah ich ihn nicht ganz deutlich. Dennoch entströmten ihm blitzgleiche Strahlen Leben schenkender Liebe mit solcher Kraft, dass sie bis in meine Seele drangen und sie durchfluteten. Sogleich wusste ich, mein lieber Heiland stand vor mir. Ich sprang sofort von dem Felsen, wo ich gesessen hatte, auf und fiel ihm zu Füßen. Er öffnete die innere Kammer meines Herzens mit dem Schlüssel seiner Liebe und erfüllte sie mit seiner Gegenwart. Und wo immer ich hinblickte, nach innen oder außen, überall sah ich nur ihn. Da erkannte ich: des Menschen Herz ist Gottes Thron und Schloss, und wenn er eintritt, um dort zu bleiben, dann beginnt der Himmel. In diesen wenigen Sekunden erfüllte er mein Herz so sehr und sprach so wundervolle Worte, dass ich, selbst wenn ich viele Bücher schriebe, gar nicht alles erzählen könnte. Denn diese himmlischen Dinge können nur in himmlischer Sprache erklärt werden; irdische Zungen genügen dazu nicht. Dennoch will ich mich bemühen, einige wenige dieser himmlischen Dinge niederzuschreiben, die auf diesem Weg der inneren Schau vom Meister zu mir kamen. Auf den Felsen, wo ich vorher saß, setzte er sich selbst, und ich zu seinen Füßen - so begann das Gespräch zwischen Meister und Jünger, das hier folgt. Quelle:
Sadhu Sundar Singh, Gesammelte Schriften Übersetzt und erläutert von Friso Melzer, 3. Auflage Evang. Missionsverlag G.m.b.H., Stuttgart Balser Missionsbuchhandlung G.m.b.H. Basel Kommentare01 Ulrich [03.11.2008] 02 Raymond H. [15.05.2010] |