Vollkommenheit
1. Die Naturgesetze schreiben vor: Wer die Vollkommenheit erreichen will, der muss allmählich, stufenweise, wachsen. Auf diese Weise allein können wir uns zu der Besinnung vorbereiten, zu der wir geschaffen worden sind. Plötzlicher oder übereilter Fortschritt macht uns nur schwach und unvollkommen. Der Hafer, der in Lappland in wenigen Wochen wächst, hat nicht den selben Nährwert wie der Weizen, der sechs Monate zum Reifen braucht. Der Bambus wächst täglich drei Fuß und schießt 120 Fuß hoch empor, aber er bleibt innen leer und hohl. Zur Vollkommenheit können wir deshalb nur langsam und allmählich fortschreiten.
2. Es ist wahr, Vollkommenheit können wir nur in einer vollkommenen Umgebung erreichen. Bevor wir aber in eine vollkommene Umgebung eintreten, müssen wir eine unvollkommene durchschreiten, wo wir uns abmühen und kämpfen müssen. Dieser Kampf stärkt uns und bereitet uns auf die vollkommene Umgebung vor. Das ist ganz ähnlich wie bei der Seidenraupe: Sie muss sich im Kokon abmühen und entschlüpft ihm deshalb als schöner Schmetterling. Wenn wir den vollkommenen Zustand erreichen, werden wir sehen, wie diese Dinge, die uns scheinbar hinderten, uns - wenn auch auf geheimnisvolle Weise - in Wirklichkeit geholfen haben, die Vollkommenheit zu erreichen.
3. Der Mensch trägt in sich die Keime zahlloser Fähigkeiten; aber er kann sie in dieser Welt nicht entwickeln, weil die Umstände hier nicht förderlich sind, dass sie wachsen und sich zur Vollkommenheit entwickeln. In der künftigen Welt finden sie die Umgebung, die sie brauchen, um Vollkommenheit zu erlangen. Doch zu wachsen beginnen müssen sie schon hier. Es ist jedoch noch zu früh, als dass wir sagen könnten, was wir sein werden, wenn wir die Vollkommenheit erreichen. Aber wir werden vollkommen sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist (Matth. 5, 48).
4. In dieser Welt gibt es keinen wirklichen Frieden. Der Friede dieser Welt ist wegen der Sünde vernichtet. Wirklicher und dauerhafter Friede ist nur im "Friedefürsten" zu finden. Wasser fließt von den Höhen hernieder oder spritzt aus den Tiefen empor, denn es sucht Gleichgewicht und Ruhe. Ebenso muss der Mensch von den Höhen seines Stolzes herabsteigen und sich aus den Tiefen seiner Sünde erheben, damit er sein Gleichgewicht findet und in Frieden und Stille verweilen kann.
5. Obgleich die Jünger noch nicht die Vollkommenheit erreicht hatten, erfreuten sie sich auf dem Berg der Verklärung doch so sehr der Nähe unseres Herrn sowie Elias und Moses, dass sie drei Hütten errichten und dort wohnen bleiben wollten (Matth. 17, 3-4). Wie viel mehr werden wir, wenn wir vollkommen sein werden, uns der Gemeinschaft unseres Herrn und seiner Heiligen und Engel im Himmel auf ewig erfreuen!
Quelle:Sadhu Sundar Singh, Gesammelte Schriften
Übersetzt und erläutert von Friso Melzer, 3. Auflage
Evang. Missionsverlag G.m.b.H., Stuttgart
Balser Missionsbuchhandlung G.m.b.H. Basel
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