Über die Liebe

von E.F.

Vor einigen Tagen fragte ein Noch-Zeuge aus einem kleinen Nachbarland mit folgenden Worten bei mir an: "... gibt es unter all den Artikeln, die Du bisher verfasst hast, einen, der sich mit dem Thema Liebe auseinandersetzt? Liebe aus der Sicht der Bibel, aber auch das Thema Liebe, wie es vom Sklaven gedeutet und von den Zeugen gelebt und empfunden wird? Zum Beispiel denke ich heute, dass die Zeugen Jehovas mehr durch Angst als durch Liebe geleitet und getrieben werden: Angst dem Sklaven nicht zu entsprechen, Angst, Jesus und Jehova nicht zu gefallen, Angst, das ewige Leben nicht zu verdienen, Angst vor den Brüdern und was sie über einen denken, Angst, Angst, Angst. Mir ist klar, dass das Thema Liebe ein sehr umfangreiches Thema ist, aber vielleicht gibt es einige Gedanken von Dir dazu. Wenn Du etwas dazu hast, würde mich das sehr interessieren."

Ich habe ihm daraufhin folgendes geschrieben, das vielleicht auch für Euch von Interesse sein mag:

Zu Deiner Anfrage über das Thema Liebe muss ich sagen, dass ich dazu noch nichts Eigenes geschrieben habe; ich scheute und scheue mich davor, zu versuchen, einen See mit einem Schöpflöffel zu leeren; dazu kommt, dass viele kompetente Kommentatoren dazu ihre Ausführungen geschrieben und veröffentlicht haben. Das Thema Liebe durchzieht in Wort und Tat, aber auch im Geist die ganze Bibel, so dass schließlich ein Paulus sagen konnte: "So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes" (Römer 13:10), und so hoffe ich, dass es auch in meinen verschiedenen Aufsätzen direkt oder unterschwellig stets eingeschlossen war.

Doch ein paar grundsätzliche Gedanken dazu, wie ich sie der Bibel entnehme, will ich hier schon anführen; anschließend werde ich dann auch auf Deine Fragen die Zeugen betreffend zu antworten suchen.

Wenn wir bedenken und anerkennen, daß der Mensch im Bilde Gottes gestaltet wurde, von dem die Bibel sagt, dass er Liebe nicht nur habe, sondern Liebe sei, dann ist zu erwarten, dass Liebe in einem gewissen Ausmaß auch der menschlichen Natur zugehörig, die Liebesfähigkeit dem Menschen angeboren ist. Sie ist eine menschliche, nicht nur eine christliche Eigenschaft. Wir sehen, dass Jesus den Heiden Liebesfähigkeit zugesteht (Matthäus 5:46); herausragend ist dabei sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter, aber auch die im Evangelium des Johannes, Kapitel 4, erwähnte Samariterin zeigte im Anschluss an ihr Gespräch mit Jesus Nächstenliebe zu ihren Landsleuten, ohne Rücksicht auf sich oder ihren Ruf (Verse 28-30). Auch die Moabiterin Ruth könnte man als Beispiel anführen (Ruth 2:11). Und es gibt noch viele Beispiele mehr.

Doch diese angeborene Liebesfähigkeit kann durch Charakter, Erziehung und Belehrung, äußere Einflüsse, Umwelt, Gruppendruck und andere Dinge gefördert, gleichsam zum Blühen gebracht werden, aber sie kann auch verbogen, verdorben, abgetötet, ja völlig zum Verschwinden gebracht werden. Der Geist der Welt und unsere Umwelt fördert mehr die zweite Entwicklungsreihe. So war es nicht verwunderlich, dass Gott im Gesetz die Israeliten nicht nur an diese ihre Fähigkeit erinnerte, sondern ihnen sogar gebot: "du ... sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3.Mose 19:18). Gott forderte hier vom Menschen nichts Unmögliches, aber etwas, was dem normalen Menschen von gestern und heute sehr gegen den Strich geht, und es gab daher auch immer Bestrebungen, diese Liebe zu normen, zu kanalisieren, zu reglementieren und zu beschränken, statt sie wie eine wohltätige Erfrischung verströmen zu lassen. Die Frage des Pharisäers in Lukas 10:29 ist bezeichnend; er möchte Regeln, um dem Kernproblem auszuweichen.

Das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, zeigt aber noch etwas anderes. Es zeigt, dass eine gesunde und ausgeglichene Liebe zu sich selbst durchaus angebracht ist. Die Bibel macht deutlich, dass wir ein angemessenes Selbstwertgefühl als Kinder Gottes, als Menschen mit Würde haben dürfen und sollen. Sie sagt zum Beispiel, dass Christen nicht höher von sich denken sollen, als zu denken angebracht ist (Römer 12:3); aber auch nicht weniger. In Ehrerbietung soll einer dem anderen vorangehen (Römer 12:10); das heißt, die Würde des anderen achten, sein Selbstwertgefühl beachten. Doch ist, wie zahlreiche Aussagen der Schrift bestätigen, Hochmut und Überheblichkeit, Anmaßung und Selbstüberschätzung genau so unangebracht und zurückzuweisen - sie führen nur zu krassem Egoismus - wie die Einstellung von bedauernswerten Menschen, die sich selbst keinerlei Wert zumessen, sich als wertlos und nicht beachtenswert ansehen und dadurch in aller Regel in Depressionen fallen; dazu haben sie keinen Grund. Gott beachtet sie, und er hat seinen Sohn für sie gesandt. Deshalb sollten solche Menschen lernen, wieder ihren Eigenwert zu entdecken. Die richtige Einstellung zu dem Gebot, andere wie sich selbst zu lieben, hilft uns, einen ausgeglichenen Standpunkt einzunehmen hinsichtlich der Liebe zu sich selbst wie auch in der Liebe zu unserem Nächsten.

Diese Liebe gibt es unter den Menschen und wird auch von vielen praktiziert, obwohl sie durch die zahlreichen Regeln und Vorschriften, Einengungen und Bevormundungen zu einem schwachen Abbild dessen gemacht wurde, was Gott eigentlich vorgesehen hatte. Jesu Worte an die Pharisäer bei zahlreichen Gelegenheiten zeigen, wie er von der Frömmelei berührt wurde, welche der wirklichen Nächstenliebe entgegenstand und nur Herzenshärte bzw. Lieblosigkeit verbarg (Markus 3:5; Matthäus 9:13 und12:7). Und dieses Problem besteht auch heute noch, und oftmals besonders unter Frommen und religiösen Eiferern und Eliten bzw. solchen, die sich dafür halten.

Ist aber christliche Liebe nicht etwas anderes? Ja, sie ist mehr! Jesus machte dies deutlich, als er sogar die Feindesliebe in den Raum der christlichen Liebe aufnahm. Den Grundsatz dazu äußerte er in Matthäus 5:44-48. Dieser Grundsatz, den er in Lukas 6:27-30 und an anderen Stellen noch ergänzte, fordert von Menschen etwas, was meiner Meinung nach über die menschliche Natur hinausgeht; es ist eine Liebe, die durch Gottes Geist gewirkt wird; sie orientiert sich am Beispiel unseres himmlischen Vaters und am Beispiel seines Sohnes, und deshalb sind auch ihre Wurzeln bei ihnen zu finden (Galater 5:22; Römer 5:7-8). Diesen Beispielen zu folgen, ist nur möglich durch die Kraft, die von Gott her kommt. Aus diesem Grund spricht Jesus auch von einem neuen Gebot, das er seinen Jüngern gab (Johannes 13:34), weil dieses Gebot viel umfassender war als das Gesetzesgebot der Nächstenliebe. Die Jünger sollten im Rahmen ihres Lebens seinem Beispiel der Liebe folgen. Er stillte nicht nur die Bedürfnisse seiner Jünger, sondern seine Liebe war eine opferbereite Liebe, die letztlich bis zu seinem Tod führte. Sie schließt Vergebungsbereitschaft und christlichen Wandel ein (Epheser 4:32; 5:2) und die Bereitwilligkeit, sein Leben für andere einzusetzen, das heißt etwas für andere zu tun (Johannes 1513).

Auch ein Paulus sieht die Liebe so; er sagt ganz klar: "Die Liebe Christi treibt uns ... (2.Korinther 5:14). Diese Liebe sollte im Leben eines Christen spürbar werden; Paulus gibt dazu einige Merkmale an, z.B. in Römer 12:9, wo er sagt, dass die Liebe ungeheuchelt sei. Das gilt natürlich für jede Art von Liebe, aber wenn Paulus das aufführt unter den Merkmalen eines echten Glaubens, dann setzt er das Wissen voraus, woher und wohin die christliche Liebe kommt und zielt, nämlich von der Barmherzigkeit Gottes und nach der Barmherzigkeit für alle Menschen. Sie soll ungeheuchelt sein. Paulus weiß um die Gefahr, dass die Liebe sich in bloßem christlichen Gehabe erschöpfen kann. Wenn sie nur noch gespielt wird im Zusammenleben, wenn sie nur noch Maske ist, dann ist das nicht mehr die Frucht des Geistes; dann ruht sie auch nicht mehr in der Liebe zu Christus (1.Korinther 16:22). Und trotz häufigem Anschein des Gegenteils ist die christliche Liebe nicht trennbar in dem Sinne, dass man Liebe in Wort und Liebe in der Tat unterscheidet. Johannes, der in seinem ersten Brief so viel über die christliche Liebe schreibt, macht deutlich in Kapitel 3:15-18: Lieben in Tat und Wahrheit. Johannes spricht davon - von der Liebe Gottes in uns. Diese Liebe umfasst Wort und Tat; sie lässt unser Herz überlaufen von der Botschaft Christi, zeigt aber auch deutlich, dass sie auch immer einen sozialen Aspekt hat, immer für Arme und Schwache im Rahmen der Möglichkeiten jedes einzelnen da ist (Jakobus 2:2-8). Liebe, das königliche Gesetz! Sie ist des Gesetzes Erfüllung, sein Ziel! (Römer 13:10). Und darum gibt es gegen Liebe auch kein Gesetz (Galater 5:23). Deshalb sollte auch jeder Christ frei nach seinem Gewissen (Römer 14:23) seine christliche Liebe ausleben dürfen und nicht durch Vorschriften, Anweisungen und Vorgaben daran gehindert werden. Zwar kann es geschehen, daß wir, wenn wir christliche Liebe bekunden, auch einmal enttäuscht werden; wir können uns auch selbst täuschen darin, ob und in welcher Weise wir in bestimmten Fällen Liebe üben sollten. Aber das wären jedenfalls unsere Entscheidungen, und wir hätten darin Gott und den Herrn geehrt. Es gäbe dazu noch vieles zu sagen, doch mag das hier genügen.

Wie wird jedoch das Thema Liebe von der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas gelehrt und gehandhabt? Auch sie schreibt in ihren Publikationen viel von Liebe, lässt Vorträge darüber halten, und vieles davon klingt auch gut. Doch sollten wir ja die Nachfolger Jesu an ihren Früchten erkennen. Wie sieht das also in der Praxis aus? Unter Jehovas Zeugen gibt es genau so Menschen, die anderen von Herzen Gutes tun möchten, wie anderswo. Doch wie wird ihr Bedürfnis in dieser Hinsicht gelenkt, gesteuert? Denn das beeinflusst schließlich ihr ganzes Verhalten gegenüber Außenstehenden und Gesellschaft.

Man hat Jehovas Zeugen beigebracht, davon überzeugt, ja ihnen richtiggehend eingehämmert durch beständige Wiederholung, dass sie ihre Liebe zum Nächsten zum Ausdruck bringen in Form ihres Predigtdienstes, und dass dies die von Gott als dringlich angesehene Art von Nächstenliebe sei. Jedes andere Werk, auch jedes Werk der Nächstenliebe, müsse dagegen zurückstehen. Es wurde häufig das Beispiel erwähnt in Ansprachen und dann auch im Predigtdienst, dass man Menschen in einem brennenden Haus dort zu ihrer Rettung herausholen müsse; das sei wichtig, nicht dagegen, ihnen eine Suppe zu kochen, weil sie hungrig seien. Das Beispiel überzeugte. Allerdings brennt das Haus jetzt schon über 100 Jahre, die Menschen leben immer noch darin, und man hätte viel Zeit gehabt, Suppe zu kochen, Hungrige zu speisen oder andere gute Werke zu tun. Doch ist es mit dieser Haltung gelungen, unter den Zeugen eine Art von Schmalspurliebe durchzusetzen. Und wenn man finanzielle Mittel hat - seien diese auch gering -, so wird man ermuntert, diese der Organisation für das weltweite Werk und seine Kosten zur Verfügung zu stellen - was die Möglichkeit guter Werke für Arme und Bedürftige einschränkt -, und natürlich soll man seine freie Zeit dem Predigen widmen, was die gleiche Wirkung hat.

In der Praxis führt dies dazu, dass die Unterstützung karitativer Organisationen nicht gefördert wird, besonders, wenn diese religiösen Ursprungs sind. Denn man würde dann ja "Babylon die Große" - so werden alle Religionen außerhalb der Zeugenreihen genannt - unterstützen. Selbst das freiwillige Geben von materieller Unterstützung versucht man zu reglementieren. Es gab zum Beispiel in Fällen von Naturkatastrophen Sammlungen von Geld und Gaben; aber diese Sammlungen durften nur über die Organisation geleitet werden; diese bestimmte auch, welche Zweigbüros in ihren Gebieten (Ländern oder Territorien) zu sammeln hatten, und sie bestimmte auch das zeitliche Ende der Sammlungen. Das war völlig unabhängig von anderen Hilfseinrichtungen und unabhängig von der realen Hilfsbedürftigkeit der Menschen vor Ort. Die Organisation regelt und beistimmt alles. Dazu kommt ja noch, dass immer wieder gesagt wird, man solle den Kontakt mit den so genannten Weltmenschen meiden und auf den Predigtdienst oder - notgedrungen - auf Schule und Beruf beschränken. Das fördert bestimmt nicht das spontane Tun des Guten; man wird mehr an das Verhalten des Priesters und des Leviten im Gleichnis Jesu über den guten Samariter erinnert; die Liebe wird geregelt, kanalisiert; aus einem Strom wird ein Kanälchen.

Auch die örtlichen Versammlungen werden keinerlei materielle Hilfe an Bedürftige leisten, auch nicht innerhalb der Gemeinschaft; das ist ihnen nicht erlaubt. Natürlich ist es nicht offiziell verboten, privat anderen zu helfen, aber wessen Blick ständig auf den Predigtdienst und auf die finanzielle Bedürftigkeit der Organisation gerichtet wird, der bemerkt oft nicht einmal mehr, wo Menschen in Not sind. Und in den Versammlungen hört man ja nur beständig, dass Liebe und Hilfe für Außenstehende im Predigen bestehen. Wenn es trotzdem einzelne Zeugen gibt, die, von ihrem Herzen gedrängt, Gutes tun, dann tun sie das trotz der Anweisungen der Organisation, nicht etwa wegen deren Ansporn dazu.

Es gibt seit einiger Zeit auch eine Art von karitativer Abteilung in der Organisation; ein Christliches Humanitäres Hilfswerk der Zeugen Jehovas in Deutschland; es ist aber den einzelnen Zeugen kaum bekannt (ob es in anderen Ländern Entsprechendes gibt, ist ebenfalls nicht allgemein bekannt). Wenn das nicht nur ein optisches Feigenblatt sein soll? Ich habe weder in meinem persönlichen Erfahrungsumfeld noch durch nachweislich dokumentierte Berichte etwas von einer Aktivität dieser Gruppierung auf karitativer Grundlage gehört. Auf jeden Fall ist auch in diesem sozialen Bereich die deutliche Absicht der Kontrolle, Leitung und Steuerung zu erkennen. Die Organisation bestimmt, wo, wie und in welchem Umfang und Ausmaß "Liebe praktiziert" wird. Das geht so weit, dass sie ihre unchristlichen Gemeinschaftsentzugsverfahren mit den lieblosen Folgen als eine liebevolle Vorkehrung bezeichnet. Von dem hellen Licht christlicher Nächstenliebe ist hier höchstens ein kleiner Kerzenstummel übriggeblieben, ein Hindenburglichtchen, wie man in Kriegszeiten sagte.

Auch von der Beteiligung an freiwilligen Gemeinschaftsaufgaben gemeindlicher oder anderer Art wie zum Beispiel Umweltaufgaben, Naturschutz und ähnlichen Dingen wird deutlich abgeraten, und erst recht natürlich von Mitgliedschaften in Hobbyvereinen oder ähnlichem; denn das wäre ja Zeitvergeudung. Zeit, die doch "Gott" gehören sollte. Schließlich geht dieses Weltsystem ohnehin zu Grunde, ist nicht zu reparieren (eigentlich müsste es nach der früheren Lehre des treuen und verständigen Sklaven schon seit Jahrzehnten verschwunden sein), und das Predigen und der Vollzeitdienst - Arbeiten für die Organisation - sind nicht nur wichtiger, sondern Auftrag Gottes. Und wer darüber Bescheid weiß, wie Jehovas Zeugen belehrt wurden und werden, Ratschläge der Organisation anzusehen als von Gott kommend und sie zu beachten, dann ist die Haltung der Zeugen abzusehen. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, noch weitere Beispiele anzuführen oder mit den Wachtturm-Schriften zu belegen.

Der weitere angesprochen Punkt war der, ob Jehovas Zeugen mehr durch Angst als durch Liebe geleitet und getrieben werden, Angst, dem Sklaven nicht zu entsprechen, Angst, Jesus und Jehova nicht zu gefallen, Angst, das ewige Leben nicht zu verdienen, Angst vor den Brüdern, was sie über einen denken mögen, Angst, Angst, Angst!

Ohne hier quantifizieren zu wollen - über die Art der Liebe in der Organisation haben wir ja schon gesprochen - muss diese Aussage leider bejaht werden. Doch sind diese Ängste von besonderer Art. Sie sind nicht vergleichbar etwa der Angst, wenn jemand durch ein unsicheres Viertel geht, sich allein im dunklen Wald befindet, wenn jemand bedroht wird oder in akuter Gefahr ist durch physische Gewalt, wie das in manchen religiösen Gruppierungen der Fall sein soll. Nein, die meisten gehen gern in die Zusammenkünfte, halten das dort Gebotene für "Speise zur rechten Zeit", überlassen sich völlig der Leitung des Sklaven mit einem Gefühl der Sicherheit. Doch irgendwann treten Probleme auf; dafür hat natürlich der Sklave auch einen Rat bereit: "Wenn du etwas nicht verstehst, dann gehorche einfach". Aber es lässt sich nicht aus der Welt schaffen, dass Zweifel, Kritik oder sogar Widerspruch aufkommen können.

Einige reagieren wunschgemäß, verdrängen alle unbequemen Fragen und folgen dem Sklaven, wohin er geht. Aber bei anderen rührt sich das Gewissen, meldet sich der Verstand, rührt sich Schuldbewusstsein. Doch man weiß, dass solche Gefühle - so wurde ihnen gesagt - satanische Eigenschaften sind, Stolz und Unabhängigkeitsstreben im Denken und Handeln, Verlangen nach Entscheidungsfreiheit. In aller Regel werden solche Gedanken verursacht durch die absolute Gehorsamsforderung der Organisation, ihre Regelungssucht bis in die Familie hinein (das 2008 veröffentlichte Buch "Bewahrt euch in Gottes Liebe" ist voll solcher Anweisungen und Regeln, die als göttliche Normen verstanden werden sollen), ihre jedem christlichen Gefühl widersprechenden Anweisungen für die Behandlung Ehemaliger usw. Und sie merken, dass sie Schwierigkeiten bekommen, wenn sie sagen, was sie denken.

Da die Organisation sich immer dargestellt hat als eine Art Rettungsboot, glauben viele, Rettung sei nur in ihrer Mitte möglich. Sie sei von Jesus direkt beauftragt. Wenn nun jemand anfängt, eigene Gedanken zu haben, tritt Angst auf, Angst und Schuldbewusstsein. Andere mögen dieses Stadium bereits überschritten haben. Aber sie haben Angst vor Maßnahmen der Versammlung bis hin zum Gemeinschaftsentzug und damit verbundener Isolation in ihrem bisherigen und oft genug einzigen sozialen Umfeld. Und die meisten Zeugen würden aus Gehorsam gegenüber dem Sklaven alle Beziehungen zu einer solchen Person abbrechen.

Das kann Angst machen, ist ein massives Druckmittel. Das ist hier keine Anklage gegen die einzelnen Zeugen; sie handeln im Glauben, dass Gott es so will (übrigens riefen auch die Kirchengläubigen im Mittelalter und in der Neuzeit, wenn sie Menschen zu den Scheiterhaufen führten: "Gott will es!"). Dann muss man auch daran denken, dass sich die Organisation zum Richter an Christi Stelle machte, indem sie den Gedanken vermittelte, wer sie verlasse oder wer ausgeschlossen würde, habe sein ewiges Leben verloren (es sei denn, er oder sie käme zurück). Das Leben ist also vom Sklaven und der Zugehörigkeit zu ihm abhängig, nicht mehr von Jesus und der Zugehörigkeit zu ihm allein.

Wer von einem solchen Sklaven versklavt ist, hat Grund zur Angst. Jesus ist der einzige Herr, vor dem wir uns nicht ängstigen müssen, trotz unserer Fehler und unseres Versagen (Matthäus 11:28) . Er - nur er - macht wirklich frei (Johannes 8:31-32). Und in seiner Hand sind wir geborgen (Johannes 10:28). Bei ihm können wir erleben, was es heißt: "Furcht ist nicht in der Liebe ... denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun (1.Johannes 4:18). Hier ist nicht von Gottesfurcht die Rede, sondern von einer Furcht, die an Angst grenzt. Dagegen steht das von Johannes in seinem ganzen ersten Brief gleichsam angestimmte Hohelied der Liebe - auch von Paulus in 1.Korinther 13 - getragen von dem Vertrauen, dass wir Jesus gegenüber freiwillig bekunden.

Der Sklave fordert dieses Vertrauen, aber das Höchste, was er erreicht, sind Lippenbekenntnisse, die bei vielen nicht (mehr) aus dem Herzen kommen. Er hat nicht die natürliche Autorität eines liebevollen, Freiheit gewährenden Herrn, sondern ist lediglich autoritär und sich selbstverherrlichend. Man kann nur hoffen, dass noch zahlreiche Zeugen zu dem Herrn Jesus finden, dessen Autorität sich der Sklave mit seiner leitenden Körperschaft anmaßt. Denn Paulus sagte: "Ihr seid um einen Preis erkauft. Werdet nicht Sklaven von Menschen" (1.Korinther 7:23).


Kommentare
01
Hallo E.F.,

eine Ergänzung:

Jesus verlangt nichts von uns, was wir nicht leisten können. So erscheint mir sein Befehl der Liebe nicht als Leistungskomponente des christlichen Glaubens, sondern als Wegweiser. Denn zu der Befolgung seines Befehls brauchen wir ihn selbst. Ohne ihn ist es uns nicht möglich zu lieben. Weder uns selbst, noch jemand anderes. Erst durch seine Kraft, die wir empfangen, wenn wir ihm folgen, geschieht durch seine Heilung etwas, das uns zur Liebe befähigt: zur ernsthaften Selbstliebe im allerbesten Sinne.

Darauf basiert die Nächstenliebe, dass wir im Glauben an Jesus "repariert" werden. Erst in dieser direkt hier und jetzt beginnenden Heilung durch Jesus bekommen wir die Grundlage, um überhaupt zur wirklichen Nächstenliebe fähig zu sein. Danach ist die stetige Erinnerung an die Nächstenliebe wichtig, damit wir die Talente, die wir von Jesus erhalten haben, auch einsetzen.

Unsere natürlichen Anlagen sind durch die Trennung von Gott zu nichts mehr tauglich als zur egoistischen Selbstverwirklichung. Erst in der Verbindung mit Jesus erhalten wir die Fähigkeiten zurück, über die wir Menschen nach dem Willen Gottes schon immer hätten verfügen sollen. Dieses Gnadengeschenk der Heilung und Heiligung geschieht nur in Jesus Christus. Es lässt sich auf andere Weise nicht erringen, egal wie. Deswegen müssen alle Versuche der Menschen, die "christlichen Ideale" zu erfüllen, scheitern, solange dies nicht in der Verbindung mit Jesus geschieht.

Ob mit den Mitteln der Psychologie, ob mit Verhaltensmaßregeln, ob mit einer Überhöhung der Liebe als anbetungswürdiges Ideal (wie auch hier in einigen Kommentaren angeklungen - z.B. von schlicht_Rolf) ... alles das muss scheitern und kläglich zerbrechen, weil es nicht auf Jesus gebaut ist. Solange wir uns im jesusfreien Prozess der Selbstreinigung und Selbsthilfe befinden, werden wir die Liebe nicht kennenlernen. Erst in der Bindung an diesen Menschen Jesus Christus, in der direkten Abhängigkeit von ihm erfahren wir, was Liebe ist, und werden durch ihn erst zur Liebe befähigt.

So ist die Liebe sowohl als Selbstliebe als auch als Nächstenliebe ein Geschenk, das wir aus seiner Kraft empfangen. Niemand kann sich seiner Liebe rühmen, denn es ist immer die Liebe des Herrn, von der wir partizipieren und die wir erleben dürfen. Es gibt nicht den geringsten Anlass, sich aus dieser Liebe ein Verdienst auszurechnen, denn es ist die Kraft Gottes, zu der wir durch Jesus Christus Zugang erhalten haben.

Niemand führt zum Vater als nur Jesus Christus allein. Darunter fällt auch die Liebe. Nur durch ihn, durch den menschgewordenen Gott können wir lieben.

Das wird oft verwechselt mit den in uns allen noch spürbaren Resten, die als Güte und Freundlichkeit im natürlichen Menschen zu finden sind. Viele Wege und Techniken werden uns angepriesen, um diese rudimentären Ansätze zu "rekultivieren". Dazu zählt auch die Wachtturm-Lehre, denn sie versucht, christliches Leben ohne die Verbindung zum Herrn bereitzustellen. Alles dies muss an der wahren Liebe vorbeigehen, weil es alles aus menschlicher Kraftanstrengung erwachsen ist.

Rüdiger [30.08.2008]
02
Hallo Ihr Lieben,

herzlichen Dank für Eure Nachricht und auch für den beigefügten Text. Ich denke, daß ich mit dem Autor des Kommentares grundsätzlich und im Wesentlichen übereinstimme. Ich hoffe doch sehr, daß ich nicht die Nächstenliebe als Leistung oder Verdienst dargestellt habe. Was ich zeigen wollte, war, daß der Mensch im Bilde Gottes Liebesfähigkeit besaß. Sie ist - wie auch seine anderen Eigenschaften - durch die Trennung von Gott in Mitleidenschaft gezogen worden, korrumpiert, aber, wie auch der Schreiber sagt, und wie auch Jesus anerkennt, noch in Resten oder Ansätzen vorhanden: Natürlich konnte kein Mensch das Gebot der Nächstenliebe im Gesetz so halten, wie es von Gott vorgesehen und von Jesus vorgelebt worden war. Das traf ja auf alle Gebote zu und machte die Verlorenheit des Menschen deutlich, wirkte auf Jesus hin. Und in Jesus wurden wir freigekauft von Sünde und Tod, aber auch von unseren Fesseln, die uns hindern, Menschen zu sein, die Gott gefallen. Doch in Jesus werden nicht nur die Dinge im Himmel und auf Erden alle wieder zusammengebracht, sondern auch unsere Unfähigkeiten behoben; christliche Liebe können wir wirklich nur in ihm und durch ihn verwirklichen. Jesus als Zentralstelle unseres Seins und Lebens - darin stimmen wir voll überein.

Liebe Grüße,

E.F. [31.08. 2008]

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Erstellungsdatum: 30.08.2008 ♦ DruckversionLinks auf andere Internetseiten